Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

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DnD-Flüchtling
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von DnD-Flüchtling » 01.06.2020 09:44

Was mir in letzter Zeit (naja, den letzten Jahren) immer häufiger aufgefallen ist, ist die Tendenz dazu, dass sich - wohl bedingt durch das Internet - gerade bei Wendungen und Sprichwörtern Anglizismen in die Alltagssprache eingeschlichen haben, die im Deutschen eigentlich keinen Sinn ergeben und so zu Irritationen führen und der Gesprächspartner im ungünstigsten Fall keinen Schimmer hat, was man eigentlich meint. Und mir passiert es auch selbst immer wieder, dass mir zwar die englische Wendung einfällt, aber spontan keine deutsche Entsprechung dazu.
(Es geht mir hier also weniger um Sprachpurismus und mehr um die Missverständnisanfälligkeit solcher Wendungen.)

Deswegen dachte ich mir: Warum nicht einfach einen Thread dazu, wo jeder seinen Senf dazu geben kann - sowohl was solche Anglizismen angeht, die man bereits gehört hat, als auch solche, wo einem selbst ums Verrecken keine deutsche Entsprechung einfallen möchte.

Wobei es hier wohlbemerkt nicht geht sind eher subtile Anglizismen, die kaum auffallen bzw. deren Sinn trotzdem offenkundig ist - Beispiele sind solche Fügungen wie "nicht wirklich" ("not really"), "Sinn machen" ("makes sense") anstatt "Sinn ergeben", oder "ich erinnere den Vorfall" ("I remember the incident") anstatt "ich erinnere mich an den Vorfall".

Einige Beispiele:

- am Ende des Tages (at the end of the day) = letzten Endes
- jdn. unter den Bus werfen (throwing so. under the bus) = jdn. verraten / jdn. den Wölfen zum Fraß vorwerfen
- die Torpfosten bewegen (moving the goalposts) = das Ziel verrücken / die Regeln ändern (das sind zugegebenermaßen eher unvollkommene Übersetzungen, hat jemand andere Ideen?)
- rote Flagge (red flag) = Warnzeichen, Alarmsignal

Hat noch jemand andere, die sich spontan aufdrängen?

Jadoran
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Jadoran » 01.06.2020 22:38

Ich sehe das eher als Gegenbewegung zum Denglisch der Unterhaltungsindustrie, Politik und Wirtschaft, wo man castet, an Emotions appelliert und sogar Meetings appointet oder cancelt. Man wird mit so vielen englischen Worten beworfen, dass offnebar nicht wenige sich dagegen durch Übersetzung ins Deutsche "wehren". Denglisch gilt eben eher als abgehoben denn als cool, jedenfalls so meine Wahrnehmung.

"Wir mussten ihn gehen lassen" ist mir allerdings auch schon begegnet... der Euphemismus ist so schön glitschig-glatter als das "wir mussten uns von ihm trennen".
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Skalde
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Skalde » 01.06.2020 22:47

Ich hab mal in einer Konzertkritik "die Fans gehen komplett Nüsse" (von "go completely nuts") lesen müssen. Bei solchen Formuliereungen werde ich ja spontan zum Befürworter der Prangerstrafe. Wenn man eine Redewendung einfach komplett "übersetzt" und das nicht einmal richtig macht, hat der Schreiberling offenbar keine 5 Minuten nachgedacht.
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Cherrie » 01.06.2020 22:51

ich denke eher, die Nüsse sind echt per Übersetzungsprogramm entstanden, da war kein Mensch beteiligt. Hoffe ich zumindest :)

Erinnern tu ich mich an eine Anleitung für ein Computerprogramm, was aus dem asiatischen Raum kam und dann in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Und da stand in einer Zeile: "Wenn Sie winzig weiche Fenster benutzen..."

(na, der dauert ne Weile, gell? *g*)

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Shirwan
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Shirwan » 01.06.2020 22:59

Cherrie hat geschrieben:
01.06.2020 22:51
ich denke eher, die Nüsse sind echt per Übersetzungsprogramm entstanden, da war kein Mensch beteiligt. Hoffe ich zumindest :)

Erinnern tu ich mich an eine Anleitung für ein Computerprogramm, was aus dem asiatischen Raum kam und dann in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Und da stand in einer Zeile: "Wenn Sie winzig weiche Fenster benutzen..."

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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Rhonda Eilwind » 02.06.2020 00:34

Ich möchte darauf hinweisen, dass "Ich erinnere XY" in Norddeutschland auch schon vor dem Siegeszug des Englischen durchaus geläufig war.
Jadoran hat geschrieben:
01.06.2020 22:38
"Wir mussten ihn gehen lassen" ist mir allerdings auch schon begegnet...
Das kenne ich allerdings nur von Tierbesitzern. Als Euphemismus für "Wir mussten ihn einschläfern lassen."

Angeblich ist "einmal mehr" statt "wieder einmal" oder "ein weiteres Mal" auch ein Anglizismus. Weiß ich aber nicht. Wenn, dann ein mindestens 40 Jahre alter.
... und auf ihrem Grabstein wird stehen: "Ich hab's dir ja gesagt!"

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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Djembo » 02.06.2020 14:36

Anglzismen sind, wie alle fremdsprachlichen Wendungen und Ausdrücke, ganz einfach Teil eines normalen Sprachwandels. Verschiedene Einflüsse und Herkünfte in Sprachen auseinander zu klamüsern ist eine Herkulesaufgabe und oft sind etymologische Herleitungen auch das, was wir Altphilologen eine Pizza Margherita nennen. Dünn belegt. Dass das Lateinische schon viele griechische Lehnwörter hatte, wissen viele Leute, dass über das Lateinische selbst im Deutschen Etruskische Lehnwörter vorhanden sind, das ist eher unbekannt. Triumph, Kaiser, Wein, Turm, alles Wörter deren lateinischer Ursprung auf ein etruskisches Wort zurückgeht.
Was spannend ist, ist, wie unglaublich schnell sich der Wandel der Sprache heute anfühlt. Solche schnellen Veränderungen lassen sich historisch nur in besonderen Zeiten oder Umständen nachvollziehen, wenn Länder erobert,verkauft, überschrieben wurden oder sonstwie die Verwaltung gewechselt haben, wenn Handelsbeziehungen zustande kamen oder sonstwie ein starker Austausch entstand.
Englische Ausdrücke und Formulierungen sind natürlich sehr stark bei uns vertreten, kein Wunder, wo doch jedes Kind heute Englisch in der Schule, teils schon in der Grundschule, lernt.

Aber ich muss schon sagen, dass ich keines der Beispiele des Flüchtlings tatsächlich in meiner Alltagsumgebung je gehört habe. Diese Übertragungen klingen ja auch eher holprig im Deutsch. Am Ende des Tages ist umständlicher ist letztendlich. Meistens ist es in meinem Umkreis eher so, dass direkt die englischen Ausdrücke benutzt werden. Man hört eher "das ist 'ne ziemliche red flag" als "das ist 'ne ziemlich [da fängt es schon an: eine ziemlich rote oder eine ziemliche rote Flagge?] rote Flagge". Dabei kommt es dann auch sehr auf die Themen an. Unterhalten wir uns über aktuelle Politik sind Anglizismen ziemlich selten. Aber ein "Gerrymandering" fällt dabei schonmal. Geht es um die Pathfinderregeln, dann klingt es eher wie bei den Topmodels. Da muss dann der Saving Throw modifiziert werden wenn Heroism gezaubert wird. Reden wir über den Inhalt von Statius' Silven, dann sind manchmal die lateinischen Begriffe einfacher.
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Skalde
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Anglizismen bei Redewendungen in der Alltagssprache

Ungelesener Beitrag von Skalde » 04.06.2020 15:49

Cherrie hat geschrieben:
01.06.2020 22:51
ich denke eher, die Nüsse sind echt per Übersetzungsprogramm entstanden, da war kein Mensch beteiligt. Hoffe ich zumindest
Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Es gibt gerade im "hippen" studentischen Umfeld zu viele Leute, die so oder ähnlich reden.
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