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von Alrik Normalpaktierer
07.11.2018 20:51
Forum: Romanbewertungen
Thema: R057: Das zerbrochene Rad: Nacht
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R057: Das zerbrochene Rad: Nacht

Kurzfazit: Roman mit Stärken und Schwächen, der unter den DSA-Schmökern Maßstäbe setzt.
4/5 Punkten.

Handlung: Thema des Buches sind Schrecken und Banalität des Krieges. Diesem Thema wird im Laufe der Handlung entlang der Frage nachgegangen, ob Dämonen diesen Schrecken etwas hinzufügen können.
Während der Plot nicht komplex ist - auf die ein oder andere Art steuern verschiedene Bornländer durch einen Krieg - wird diese Komplexität eingezogen, in denen verschiedene Figuren und Parteien und ihre Handlungsstränge eingeführt werden, immer wieder zusammen- und auseinanderlaufen. Dadurch liest sich die Sache abwechslungsreich. Alles ist auch soweit nachvollziehbar und glaubwürdig im Rahmen des Erforderlichen.
Allerdings werden diese Fäden nicht immer souverän gesponnen. So fallen die Bösewichte in der Buchmitte für eine lange Weile heraus, obwohl eine Figur hier eine wichtige Entwicklung durchmacht und die Seiten wechselt. Umgekehrt wird mit den Kaiserlichen eine neue Partei so spät eingeführt, dass ihre zum Teil grandiosen Szenen nicht die mögliche emotionale Wucht entfalten. Ob es sich bei den zahlreichen Rückblenden immer um ein Stilmittel handelt (oder nicht auch mal Ungeschick) fragt sich etwa dann, wenn eine Figur in einem langen Brief Eigentümlichkeiten einer Schlacht benennt, auf die sich in deren Beschreibung wenige Seiten zuvor kein Hinweis findet. Unverständlich ist, warum ein langer Exkurs in Form eines Märchens den Hintergrund eines Artefakts erklärt - dieses Märchen wird im Roman weder mit der Handlung noch mit dem Setting verknüpft. Dabei hat die Figur, die sich um das Artefakt bemüht, selbst etwas Märchenhaftes. Nichts wäre leichter gewesen, als sie in das Märchen einzuschreiben und damit ihr Interesse an dem Artefakt zu erklären. Insgesamt gibt es viel Kürzungspotential - etliche Durchbrechungen der vierten Wand wirken einfach nur geschwätzig und fügen erzählerisch nichts hinzu und mindestens eines der "Zwischenspiele" ist ebenso überflüssig wie das Märchen und kann seinem Sujet nicht genügen.
Persönlich fand ich auch das Ende schwach - die Endschlacht des Romans ist keinesfalls die des Krieges, zugleich bleiben die Konsequenzen für die meisten Figuren überschaubar. Im Rückblick fühlt sich ihr Kriegszug daher eher nach Klassenfahrt als nach epischem Schicksal an.
3/5 Punkten

Figuren:
Der besondere Reiz ist natürlich das Zueinander von Adligen und Gemeinen und es gelingt auch weitgehend sehr gut, die Unterschiede nachvollziehbar zu machen. Gerade viele der Nebenfiguren haben enormen Charme. Ich mag auch die Anfälle von Weisheit, wie sie Gerion oder Nahema haben.
Im Sinne des Themas sind die schlimmsten Bösewichter profane Charaktere und der Dämonenbeschwörer ein vergleichsweise armes Würstchen. Das gefällt mir sehr gut (obwohl ich seine Szenen wegen dieser Irrelevanz zu lang finde), wie auch die Vielzahl an profilierten weiblichen Charakteren. (Was man in einem Kiesow-Roman kaum zu hoffen wag: bei manchen verzichtet er sogar darauf, die Form ihrer Brüste zu beschreiben, wenn es keinen Anlass dazu gibt. Da ist auf jeden Fall erzählerische Reifung zu früheren Romanen festzustellen.) Dass einige von diesen Frauen dann doch oft wieder im Schatten ihrer Männer stehen - geschenkt
Weniger gut gelingen die zwei Figuren, die gewissermaßen als dritter Stand, larger-than-life, dargestellt werden sollen. Da sind die erzählerischen Möglichkeiten dann offensichtlich ausgereizt, aber es ist immer noch ok.
4/5 Punkten

Aventurizität:
Einfach klasse. Bei vielen der kleinen Szenen birst die Stimmung aus jedem Komma. Die Adelsherrschaft und Kriegsführung mit vormodernen Mitteln wird vergleichsweise glaubwürdig dargestellt. Die Speisekarte ist möglicherweise ein bisschen zu viel des Guten, aber über ein beiläufig eingestreutes Lied freue ich mich natürlich immer. Etwa die modischen Details zeigen auch, dass die verbreitete Kritik, die Anleihen aus unterschiedlichen historischen Epochen würden Aventurien unglaubwürdig machen, ins Leere geht, wenn man sorgfältig erzählt.
Habe ich auch was zu kritisieren? Nee, aber ich wundere mich, dass Kiesow offensichtlich nicht wusste, wie (Metall-)Rüstungen funktionieren. Wie schon in älteren Romanen gibt es keine wattierte Unterkleidung.
5/5 Punkten

Sprache:
Wie gesagt, die einzelnen Beschreibungen haben mich schwer begeistert, besonders im Vergleich zu in dieser Hinsicht schwächeren DSA-Romanen. Das heißt nicht, dass nicht manche Sätze gekünstelt wirken würden. Die Dialoge sind oft ein wenig geschwätzig, was die Figuren unfreiwillig unsouverän aussehen lässt. Im Zusammenhang des Romans fallen auch die Schlachtszenen schwach aus, auf die es in einem Roman über den Krieg natürlich schon ankäme.
3/5 Punkten

Es wird immer wieder empfohlen, das Buch zur Vorbereitung der G7-Kampagne zu lesen. Da sich das Personal und die Handlung um die Gezeichneten nur in der Neuauflage der G7 mit dem Finale des Romans überschneidet (und da eine detaillierte Schilderung vorweg zu lesen mich persönlich eher einschränken würde) kann ich diese Empfehlung nicht wiederholen. Hilfreich ist meines Erachtens allenfalls der Anhang mit Angaben zu Schlachtverläufen und Zeichnungen der Schlacht von Eslamsbrück und auf den Vallusanischen Weiden - ich hoffe jedoch, dass die auch ins Abenteuer übernommen wurden.