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von DnD-Flüchtling
14.10.2019 17:52
Forum: Allgemeine Diskussion
Thema: Gewaltdarstellung im Rollenspiel
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Gewaltdarstellung im Rollenspiel

Rhonda Eilwind hat geschrieben:
08.10.2019 22:08
Hat hier doch gar keiner geschrieben, oder?

Es hieß, Leute könnten sich getriggert fühlen. Und die, die das geäußert oder bestätigt oder was auch immer haben, waren zufällig Frauen. Aber ich denke, es kann tatsächlich auch Männer triggern. Wenn nicht als (mögliches) Opfer, dann eher so, dass sie sich durch "diese Abscheulichkeit" besonders unter Zugzwang gesetzt sehen.
Das ist aber mehr "guilt-tripping" als "triggering", wenn ich die Spieler durch die Schilderung besonders empörender oder tragischer Vorfälle in eine bestimmte Richtung drängen möchte und beinhaltet auch eher nicht die Möglichkeit, dass hier bei jemandem Traumata reaktiviert werden (der eigentliche Gedanke hinter der ganzen Trigger Warning-Geschichte).

Und, seien wir ehrlich - bei allen Abenteuern, wo nicht ein Haufen glänzender Dukaten oder sonstige Reichtümer als Belohnung im Hintergrund warten, ist das ja quasi der Standardmotivator.
Ich glaube, ein bisschen spielt bei der unterschiedlichen Bewertung aber auch eine Rolle, dass Vergewaltigungen zB in Filmen und Erzählungen fast mythisch überhöht werden. Bei Frauen, und ganz schlimm selbstredend auch bei Männern. Wenn das da überhaupt mal thematisiert wird - naja. Psycho-Zerstörungs-Device No. 1, oder so.
Das ist ein interessantes Thema, das du da anschneidest - nämlich dass bei der Darstellung solcher Vorgänge die Opfer sehr häufig nur ein sehr geringes Ausmaß an Resilienz (https://de.wikipedia.org/wiki/Resilienz_(Psychologie)) mitbringen. Mangelnde Kreativität ("wir brauchen was richtig schlimmes, nehmen wir ne Vergewaltigung") dürfte da eine große Rolle spielen.
von DnD-Flüchtling
08.10.2019 18:06
Forum: Allgemeine Diskussion
Thema: Gewaltdarstellung im Rollenspiel
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Gewaltdarstellung im Rollenspiel

Madalena hat geschrieben:
08.10.2019 17:29
@DnD-Flüchtling Ich glaube, zwischen einer Show-Szene und Tischrollenspiel gibt es noch einen deutlichen Unterschied in der Immersion. Du schreibst ja selbst, dass die Frauen genüsslich mitgespielt haben. Die waren innerlich nicht in der Szene drin, und hatten (völlig legitim, wie ich finde) ihren Spaß. Am Spieltisch habe ich aber kein Skript das ich befolge, sondern versetze mich in meinen SC und bin viel mehr in der Szene drin.
Dass man Vergewaltigungsschilderungen persönlich nicht unbedingt braucht? Kann ich verstehen - ich war wie gesagt bei besagter vergleichbaren Szene beim PnP dabei und fand sie dann doch eher befremdlich (und ehrlich gesagt auch unfair, weil ich wusste, dass ich einerseits qua Charakterklasse verpflichtet gewesen wäre einzugreifen, aber andererseits wohl direkt hätte einen neuen Char auswürfeln dürfen, wenn ich es getan hätte).

Worum es mir aber geht, ist dass um den Themenkomplex "sexuelle Gewalt" von einigen ein Cordon Sanitaire aus Triggerwarnungen gezogen und so getan wird, als wäre jede Frau ein ehemaliges Vergewaltigungsopfer, das bei der bloßen Erwähnung davon direkt zusammenklappt und erstmal auf der Faint Couch eine Riechsalz-Behandlung braucht, bevor sie wieder handlungsfähig ist. Und, quasi als Steigerung davon, die Erwartungshaltung, dass das Thema ganz grundsätzlich komplett als nichtexistent behandelt wird - wie es Skyvaheri wohl passiert ist.
Wie bei all den anderen kontroversen Themen, von denen in der Zwischenzeit ja nicht wenige hier im Forum angesprochen worden, gilt auch hier: Mein Spielerlebnis leidet nicht darunter, wenn sie nicht vorkommen, aber mir missfiele die Vorstellung, wenn mir dritte vorschrieben, dass mein Spiel mit ihren persönlichen (ideologischen) Befindlichkeiten kompatibel zu sein hat)
von DnD-Flüchtling
08.10.2019 17:19
Forum: Allgemeine Diskussion
Thema: Gewaltdarstellung im Rollenspiel
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Gewaltdarstellung im Rollenspiel

Disclaimer: Im Folgenden geht es mir nur darum, wenn NSCs zum Opfer werden; SCs sind nochmal eine ganz andere Hausnummer und wurden auch in einem anderen Thread behandelt.

Da spielt ein ganzer Cocktail von Gründen rein.

1. Vergewaltigung als schlimme Erfahrung.
1a. Die direkte Erfahrbarkeit: Mord, Raub, Folter sind wie erwähnt nichts, was man selbst unbedingt erlebt; Vergewaltigung kann dagegen durchaus passieren.
1b. Traumapotenzial: Das ist eine gute Frage, was die Nase vorn hat (Mord mal außen vor gelassen). Aber ich denke, dass Vergewaltigung unter Kriegsbedingungen (denn seien wir ehrlich, um die geht es in der Debatte hier ja) schon die Nase ziemlich weit oben rangiert.

2. Vergewaltigung als frauenspezifisches Problem.
Klar, es werden auch Männer vergewaltigt, aber seien wir ehrlich - bei Vergewaltigungsopfern denken wir immer zuallererst an Frauen. Und alleine der Umstand, dass wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben, dass überproportional häufig Frauen betrifft, führt schon dazu, dass wir als Gesellschaft damit ein größeres Problem haben als mit solchen, die beide gleichermaßen betrifft oder vor allem zu Lasten von Männern geht.

3. Vergewaltigung als inakzeptabler Vorgang.
3a. Soziale Akzeptiertheit und Rechtfertigbarkeit: Hier sind all die Punkte drin, die schon von @Tjorse genannt wurden - Mord kann man rechtfertigen, Folter kann man rechtfertigen, auch Raub kann man irgendwie noch entschuldigen. Vergewaltigung dagegen ist was anderes, da gibt es keinen höheren Grund, den man vorschieben kann.
3b. Eskapstische Fantasien: Hängt mit 3a zusammen - die wohl alle Menschen umtreibende Frage "was würde ich tun, wenn ich dürfte/müsste". Jeder, der Hitler umbringen würde oder Verständnis für Wolfgang Daschner hatte (der Polizist, der einem Kindesentführer Folter angedroht hat, damit er das Versteck des Jungen rausrückte), demonstriert ja bereits, was er unter bestimmten Bedingungen für akzeptabel hält; und di sehr populäre Serie "24" lebt ja auch ganz massiv davon, dass der Protagonist Jack Bauer dauernd in Grenzsituationen gerät, wo er zu extremen Maßnahmen greifen muss (inklusive kaltblütigem Mord und Folter). Wer dagegen von Vergewaltigung fantasiert, hat ein ganz anderes Problem.

Allerdings gibt es natürlich noch die Frage der Art der Präsentation.
Ich persönlich bin da etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite würde zu einem "erwachsenen", düsteren Rollenspiel mit Anleihen bei ASOIAF auch sexuelle Gewalt gehören - nicht als zentrales Thema oder weil man als SL beweisen will, wie "edgy" man doch ist, aber doch als Baustein einer entsprechend grauen Welt.

Hierbei möchte ich übrigens auch anmerken, dass diese Fixierung auf "Frauen könnten sich davon getriggert fühlen" mir etwas arg einseitig erscheint - nicht wirklich einvernehmlicher Geschlechtsverkehr wird auch in Romanen von weiblichen Autoren behandelt, und zwar ohne dass es sich dabei um sexuelle Fantasien handelte: In den Thalionmel-Romanen hat man sie; in der Avalon-Trilogie kommt das ebenfalls vor, in Mondfeuer (kennt jetzt vermutlich keiner) wird die Protagonistin ebenfalls und nicht nur einmal vergewaltigt etc.

Wie aber macht man das im Spiel? Naja, das größte Problem, das ich sehe, ist, dass das ganze übermäßig detailliert ausgewalzt wird oder einen sonstwie semipornografischen Charakter annimmt.
Hierbei möchte ich übrigens auch nochmal "Borbarads Erben" verweisen, wo vor knapp 20 Jahren sexuelle Gewalt im Schauplatz Oron thematisiert wurde (und damit meine ich nicht die Vergewaltigung durch marodierende Söldnerhorden, sondern dämonisch gepimpte sexuelle Gewalt durch Paktierer und Dämonen), und das war auch nicht besonders gelungen.
Denn es hängt natürlich auch ein bisschen am Kontext und wie man etwas thematisiert, dazu zwei Anekdoten.

1. Der erste war nicht beim Rollenspiel passiert, sondern beim MA-Reenactment, wo Teil der Aufführung (wir waren kein reines Zeltlager, sondern spielten auch diverse Szenen nach) auch eine Gerichtsverhandlung war, komplett mit Richter, Schöffen, und Bauernpublikum. In einem der Fall war der Übeltäter ein Bastard, der den Küster niedergeschlagen, den Messwein gesoffen und danach "trunken vom Messwein der Tochter des Küsters Gewalt angetan" hatte. Danach finden unsere Bauernfrauen wie auf Knopfdruck an "Mädchenschänder" "Unhold" etc. zu kreischen und teilweise mit Gemüse zu werfen, bevor die Gerichtsdiener eingriffen und sie unter Kontrolle brachten.
Auf jeden Fall waren unsere weiblichen Mitglieder durchaus mit Spaß bei der Sache und fühlten sich auch nicht alleine schon davon getriggert, dass das heikle Thema "sexuelle Gewalt" in unsere Aufführungen eingebaut wurde.

2. Das andere war beim Rollenspiel mit meiner DnD-Gruppe, wo wir durch Sigil streiften (zur Info für Leute ohne Plansescape-Erfahrung: Sigil ist gewissermaßen der Mittelpunkt des DnD-Universums, wo auch alle möglichen Wesen von den äußeren Ebenen ein regelmäßiger Anblick sind) und uns der Meister ganz nonchalant Szenen von Verdorbenheit und Gewalt schilderte, u.a. auch wie ein Dämon mit einem extremen Gemächt eine Frau auf einem öffentlichen Platz zu Tode vergewaltigte. Nuja, das fand ich dann eher befremdlich (einerseits, weil meinn RG Paladin hier in einer extrem heiklen Situation war, andererseits, weil es superoffensichtlich war, dass es dem SL hier nur um billige Schockmomente ging).

Man darf nämlich auch unterscheiden, welche Rolle etwas einnimmt:

1. Ist es ein Ego- und Machttrip des SL/eines der Spieler (gilt insbesondere dann, wenn die Spieler zum Opfer werden)?
2. Dient es ausschließlich zur "Titillation" und zur Erzeugung von Schockmomenten?
3. Lässt der SL etwas zu eifrig einigen fragwürdigen Fantasien freien Lauf?
4. Dient es dem Worldbuilding?

Aus meiner Warte kann ich gut auf 1-3 verzichten, aber 4 sollte zumindest möglich sein - insbesondere dann, wenn man ganz allgemein kein Kuschelsetting hat und die NSCs vor allen Unbilden verschont. Insofern kann ich da auch Skyvaheri verstehen:
Skyvaheri hat geschrieben:
08.10.2019 14:06
Tatsächlich habe ich mir aber jüngst anhören dürfen, dass ich in einem Setting, in dem eine Stadt von Soldaten geplündert wird Mord, Folter, Raub und Verschleppung ruhig thematisieren kann, aber mir bitte doch überlegen sollte, ob die wirklich auch noch die Bevölkerung vergewaltigen müssen.

Aha. Es ist also ok, wenn ich beschreibe, dass Zivilisten blutig abgeschlachtet werden? Aber wenn ich im selben Satz genau so abstrakt beschreibe, dass eine Frau (oder auch ein Mann) in eine Seitegasse gezerrt und vergewaltigt wird, ist das so viel schlimmer, dass ich es nicht nennen sollte. :???:
Das ist da nämlich eine Frage, die ich mir ebenfalls stellen würde.