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von Dingens
10.06.2018 21:35
Forum: Spielhilfenbewertungen
Thema: Historia Aventurica (2015) überarbeitet
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Historia Aventurica (2015) überarbeitet

Vorweg: Ich habe die umstrittene erste Version der Historia nie gelesen und nur die zugehörigen Diskussionen hier im Forum grob mitverfolgt. Entsprechend kann und will ich hier keinen Vergleich mit der Erstausgabe anstellen. Insgesamt war ich, nach den schlechten Bewertungen und dem Shitstorm nach der Erstausgabe, eher skeptisch, bin aber insgesamt positiv überrascht worden.

Der erste Teil der Historia widmet sich einem eigentlich unmöglichen Unterfangen: Die mythologischen ersten 10 Zeitalter und das Sammelsurium der überderischen Wesen irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Hier wurde über Jahrzehnte ein Berg an Andeutungen und Setzungen gemacht, die eigentlich nicht unter einen Hut zu bringen sind. Natürlich hätte man einfach die zwölfgöttliche, praioskirchengeprüfte Erschaffungsgeschichte niederlegen können, auf der anderen Seite hätte das aber dutzende kosmologische Zusammenhänge (Echsengötter, Charypta, ...) einfach nicht erklären können und komplett in der Luft hängen lassen. Hier wurde versucht, durch ein übergestülptes Konzept der Unsterblichen und rotierenden Gottheiten alle bisherigen Setzungen zumindest halbwegs erklären zu können. Mit dem Ergebnis bin ich im Großen und Ganzen eigentlich ganz einverstanden, auch wenn mich einige Details stören. Die Dreigliedrigkeit aus subjektiver Erzählung aus Chalwens Sicht, Redaktionskästen zur Korrektur und Ergänzung ebenjener subjektiven Erzählung und den Kästen, die die entsprechende zwölfgöttliche Erzählung wiedergeben, gefällt mir sehr gut. Durch die ausdrückliche Subjektivität kann ich als Meister immer noch einzelne Setzungen ändern, ohne dass das Gesamtbild zusammenfällt (ein zusätzlicher Unsterblicher, der irgendwas auf Aventurien hinterlässt, das ich Jahrtausende später mit meiner Heldengruppe aufgreife ist überhaupt kein Problem). Die Redaktionskästen (vermutlich in der Neuauflage dazugekommen?) geben ein paar hilfreiche Erläuterungen, bspw. zu Namen und Geschlechtern der Unsterblichen, und entschärfen die Texte Chalwens an einigen Stellen. Schlussendlich geben die Texte aus der zwölfgöttlichen Mythologie Spielern und Meistern die wohl im modernen Aventurien gängigste Schöpfungsgeschichte an die Hand, das ist wohl der am ehesten am Spieltisch anwendbare Teil, wenn auch wenig Neues.

Der zweite, deutlich umfangreichere Teil widmet sich dann der Geschichte der jungen Völker. Auch hier stellt sich bei so einem "Geschichtsbuch der gesamten Welt" ein erhebliches Problem mit zwei Extremlösungen: Entweder ich erzähle einzelne regionale oder personengebundene Geschichtsstränge am Stück, sodass sich eine flüssige Erzählung ergibt - und nehme in Kauf, dass die Chronologie im Gesamten leidet, weil sich Ereignisse aus dem gleichen Jahr vielleicht erst dutzende Seiten später finden (komplett getrennte Chronologien finde ich zudem schon in den Regionalbänden). Oder ich schreibe eine strikte Chronologie und zerfasere so die Erzählstränge komplett. Hier wurde ein Mittelweg gewählt, in dem jeweils unter einen größeren Zeitabschnitt fallende Erzählstränge am Stück erzählt werden. Im Großen und Ganzen ist das auch recht gut gelungen, das gelegentliche Vorgreifen auf Ereignisse aus anderen Strängen ist sowohl unvermeidbar als auch wenig störend. Insgesamt kann man die Chronik so sehr gut runterlesen. Die Texte sind, obwohl sie eigentlich eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten sind, gut und unterhaltsam geschrieben, ohne ins Labern zu geraten - handwerklich auf jeden Fall gut gemacht. Recht häufig wunderte ich mich aber, warum genau ebenjene Geschichte jetzt so wichtig ist, um in der HA aufgeführt zu werden (irgendwelche verloren gegangenen Schiffe häuften sich doch enorm) - vermutlich sind das alles aber Inhalte aus Abenteuern, die ich einfach nicht kenne. Solche Details, die außerhalb eines einzelnen Abenteuers nicht mehr auftauchen und keinen Einfluss auf den Gesamtverlauf der Geschichte mehr nehmen, hätten man meines Erachtens nach aber gut einfach rauskürzen können und sollen.

Fehler in den Fakten habe ich nicht einzeln im Detail überprüft. Hier gab es in der Erstausgabe ja wohl recht viele Ungereimtheiten, die aber der Errata auf der Wiki Aventurica nach großteils behoben scheinen. Mir sind auf jeden Fall keine großen Klopper ins Gesicht gesprungen. Formal ist auch nix zu meckern, absolut fehlerfrei.

Die neuen Abbildungen im Band haben mir eigentlich alle sehr gut gefallen. Einige tolle neue Portraits sind auf jeden Fall ebenso am Spieltisch einsetzbar wie verschiedene andere hübsche Zeichnungen von Städten oder markanten Gebäuden. Mangelhaft hingegen sind die fehlenden Karten - wer jemals ein irdisches Geschichtsbuch aufgeschlagen hat, erinnert sich an Übersichtskarten für alles Mögliche. In der HA finden sich eine Handvoll Stadtkarten von Gareth zu verschiedenen Zeiten, die ehrlich gesagt ziemlich uninspiriert irgendwo abgedruckt wurden und nicht wirklich aufgegriffen werden. Politische Übersichtskarten zu verschiedenen Zeiten fehlen ebenso komplett wie Detailkarten, die beispielsweise die Erkundungen der Admiräle Sanin oder verschiedene Kriege anschaulicher gestaltet hätten. Mir ist bewusst, dass Karten ein Haufen Aufwand sind, aber hier hatte ich mir wesentlich mehr erhofft. Ebenfalls fehlen mir Zeittafeln und Übersichtskästen einzelner wichtiger Prozesse - die Zeitleiste am Rand gibt zwar einen guten Überblick über das Gesamtgeschehen in der Welt, aber beispielsweise Kästen mit den wichtigsten Informationen und Daten zu einem bedeutsamen Krieg oder einer Herrscherdynastie würden die Verständlichkeit und die Nutzbarkeit als "Lehrbuch" und Nachschlagewerk wesentlich erhöhen. Hier hätte man sich von irdischen Lehrbüchern durchaus etwas abschneiden können. Insgesamt ist die HA so trotz eines guten Index mehr ein Hintergrundband zum Nachlesen der aventurischen Geschichte als ein Nachschlagewerk.

Als genau solcher Hintergrundband bekommt es von mir 4/5 Sternen. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, viel über die aventurische Geschichte gelernt und ein paar neue Ideen für Abenteuer bekommen. Für diesen Zweck würde ich es auch jederzeit weiterempfehlen. Als Nachschlagewerk (oder wenn es ein Lehrbuch wäre, anhand dessen ich mich auf eine Prüfung vorbereiten müsste) wären es wohl nur 2 Sterne - alles eine Frage der Erwartungshaltung. Beides gleichzeitig zu erfüllen wäre wohl schwierig gewesen.