Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Der Plot will es! Diskussionen und Anregungen zu offiziellen und inoffiziellen Abenteuern.
DomAnsvin
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von DomAnsvin » 10.01.2015 22:37

Ha, ich war EIN-MAL schneller als Gwydon :)

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 17.01.2015 17:37

:D Freut mich sehr, dass ihr beide den Spielbericht noch immer verfolgt. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte momentan ein bisschen auf der Stelle tritt, aber bald gehts ja nach Beilunk, wo es mit Bunte Scherben und Veritas weiter gehen und die Handlung hoffentlich wieder an Fahrt aufnehmen wird.

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Gwydon
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gwydon » 17.01.2015 18:26

Oh ja, ich verfolge hier mit großer Begeisterung, was du aus der Queste machst. Ganz großes Kino! :) Bin schon sehr darauf gespannt, wie es läuft, wenn ihr zu den Hauptabenteuern kommt.

Faras Damion
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Faras Damion » 17.01.2015 18:40

Ich lese auch begeistert mit. :)

Dein Spielbericht ist nicht nur eine große Hilfe für meine Queste, es ist auch spannend und vergnüglich zu lesen! :)

DomAnsvin
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von DomAnsvin » 18.01.2015 01:59

Es sei!

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 18.01.2015 18:19

Danke, liebe Leute! Die Hauptabenteuer habe ich eher für die späteren Jahre der Queste eingeplant. Veritas macht da eine Ausnahme, weil es sich sehr gut in Anschluss an Bunte Scherben spielen lässt und ich beides mit Graf Siegeshart von Ehrensteins Zug des Lichts nach Beilunk verbinden wollte. Aber dazu später mehr bzw. hier erstmal ein kleiner Teaser:


INTERLUDIUM: BELHARION

Die Sonne erstarb im Westen und tauchte den Maraskansund in eines blutrotes Licht, das im Wellengang des Wassers wie ein Flammenmeer unruhig auf- und abwog. Die Nacht senkte sich über Jergan herab. Mit verdrießlicher Miene löste der Hochmeister seinen Blick von den Fenstern seines Palastes und starrte auf den reich verzierten Lilienthron. Der Fürst hatte ihm verboten, darauf Platz zu nehmen. Er, Helme Haffax, sei immer noch Herrscher dieser Insel und Belharion nur sein Stellvertreter, hatte er ihm ins Gesicht gespien, bevor er zu seinem Kriegszug gegen Mendena aufgebrochen war. Seither war der traditionelle Herrschaftssitz der Könige von Maraskan verwaist geblieben. Um seine Ratgeber zu empfangen und Recht zu sprechen, hatte sich der Hochmeister weiter unterhalb seinen eigenen Sitzplatz aufstellen lassen, doch war es der Lilienthron, den er eigentlich begehrte.

Das Tor der Audienzhalle öffnete sich mit einem lauten Knarren und gab den Blick frei auf zwei Soldaten der Karmoth-Garde, die einen ausgemergelten und in schmutzige Lumpen gehüllten Mann hereinschleppten. Als sie ihn Belharion vor die Füße warfen, knurrte der Hochmeister und sprach: « Wer ist dieser Wurm? »

« Ein Bettler, der um die Residenz herumgeschlichen ist », gab der Gardist zur Antwort und verneigte sich ehrerbietig.

« Warum besudelst du meine Halle mit diesem Dreck? Sind die Verliese etwa voll, hast du keine Streckbank mehr für ihn gefunden? Keinen Galgen, an dem er baumeln kann? »

« Hochmeister », der Gardist verneigte sich ein weiteres Mal, « bitte verzeiht mir. Doch gabt Ihr den Befehl, nach einem Traumdeuter zu suchen. Dieser Mann hat uns versichert, Träume lesen zu können wie andere Bücher. »

Belharion schaute sich den hageren Mann, der noch immer reglos vor seinen Füßen kauerte, genau an. Struppiges, schmutziges blondes Haar hing ihm ins Gesicht. Dazwischen lugten braune Augen hervor und blickten mit unverfrorenem Hochmut zu der Gestalt des Hochmeisters empor. Um seinen Hals trug er einen eisernen Kragen, in den seltsam verschlungene Muster eingraviert waren, und unter seinem fleckigen, braunen Überwurf konnte man ein fein gearbeitetes Gewand erahnen. Möglicherweise war er ein entlaufener Sklave aus gutem Hause gewesen.

« Erlaubt mir », ergriff der Fremde das Wort. Belharion nickte und gab den Gardisten ein Zeichen, woraufhin sie den Mann unsanft empor zogen.

« Ich kenne verschlagenes Gesindel wie dich, das in den Gassen dieser Stadt herumschleicht, lebend von einem Tag zum nächsten, nur wartend auf die Gelegenheit, die Gunst eines Mächtigen zu erringen, um sich aus dem Schlamm der Gosse zu herauszuziehen. Ich werde dir von meinem Traumgesicht erzählen, doch warne ich dich: sollte sich deine Geschichte als falsch erweisen, werde ich dich eigenhändig häuten und pfählen, dem jenseitigen Mordbrenner zum Wohlgefallen. » Belharion räusperte sich. « Ich träumte von zwei Schwertern, die in wildem Zorn aufeinanderprallten. Sie beide waren schwarz wie die Nacht, doch das eine war finster wie der Hass der Niederhöllen und das andere war dunkel wie das Innerste der Erde. Das eine Schwert zerbrach das andere und ich sah, wie ein Irrhalk und ein Zant zischend und fauchend um einen eisernen Thron schlichen, darauf eine Gestalt in einem schwarzem Harnisch Platz genommen hatte. Das Visier war weit geöffnet, doch anstelle eines Gesichts schaute nur gähnende Finsternis daraus empor. Nun erst wurde mir bewusst, dass die gesamte Umgebung meines Traums in ein seltsam pulsierendes, rotes Licht getaucht war. Es tropfte von der Decke und von Ferne vernahm ich Gebrüll, verzweifelte Schmerzensschreie und Schlachtenlärm. Ich erwachte in der Lache meines eigenen Schweißes, doch waren die Laken rot, denn ich hatte Blut geschwitzt. »

« Herr, dieser Traum ist leicht zu deuten », hob der Fremde an, ohne lange nachzudenken. « Das rote Licht und der Lärm um euch herum stehen für das, was Ihr am meisten begehrt. Für den Grund, warum Ihr auf dieser Welt seid, für die Aufgabe und die Verheißung, die Euch der Jenseitige Mordbrenner zugedacht hat: die Macht über den gezackten Splitter des Belhalhar zu erlangen, der sich noch immer widerrechtlich in der Hand des stählernen Fürsten Haffax befindet. Er ist der Harnisch auf dem eisernen Thron, der leer ist, weil er von den Herren der Niederhöllen verlassen wurde und nur noch sich selber dient. Er hat sich den gezackten Splitter unterjocht, doch seine Tage sind gezählt, seine Seele ist verdammt. Irrhalk und Zant sind in ihrem Hass auf den Tyrannen vereint, doch können sie ihn nur bezwingen, wenn sie sich zusammentun zu einem heiligen Krieg, um diese leere Rüstung von ihrem Thron zu stoßen. Ein Schwert wird diesen Kampf entscheiden. Haffax führt die schwarze Klinge Athai-Naq. Eine Gabe des Feurigen Vaters, dessen Macht nur durch die Kraft eines Schwertes gleichen Ranges aufgehoben werden kann. Dieser Traum, Herr, ruft Euch auf zu der Suche nach einem Talisman des Mordens, nach einer heiligen Klinge, die so kraftvoll ist, dass sie Athai-Naq zerschmettern wird. Dann wird der Splitter euch gehören und die Heerscharen des Jenseitigen Mordbrenners werden blutige Ernste halten unter den letzten Getreuen des Verräters. »

Misstrauisch folgt Belharion den Worten des Fremden. « Deine Deutung scheint mir Sinn zu machen. Doch will ich erst wissen, wen ich vor mir habe. Ein einfacher Bettler bist du sicher nicht. »


« Kein Bettler bin ich, Herr, sondern ein einfacher Pilger, der über die Wege und Felder dieser Welt reist, um nach dem heiligen Samen seines Herrn zu suchen, auf dass die Saat der Niederhöllen aufgehe und die Welt in das schwarze Feuer des wahren Glaubens tauche. Mein Name ist Tykrador von Yol-Ghurmak und ich erbiete Euch den Gruß von Ascheherz, des Propheten des Weltgerichts und Gesandten des Herrn der wabernden Lohe. Irrhalk und Zant werden vergeblich um den Thron des eisernen Fürsten schleichen, wenn sie nicht ihre Kräfte vereinen. Und so schlage ich Euch ein Bündnis vor, denn ich weiß, wo Ihr den Talisman des Mordens findet werdet. Mit meiner Hilfe werdet Ihr die Waffe führen, die den Untergang des Tyrannen von Mendena besiegeln wird. »


Als er das Angebot vernahm, knurrte Belharion und fragt mit lauerndem Blick: « Was erhoffst du dir vom Untergang des Schattenmarschalls? »


« Sein Tod ist mir gleichgültig, denn meine Queste folgt einem höheren Ziel. Ich strebe danach, die Kirche des schändlichen Sonnengottes, der alle Seelen knechtet und in seiner Eifersucht gefangen hält, vom Antlitz Deres zu tilgen. Und ich werde mit Beilunk beginnen. Der flammende Blick meines Herrn soll auf das Schandmal an der Radrommündung fallen. Die Brut der Sonnenanbeter soll vergehen im schwarzen Licht Seines Hasses und ihre Altäre sollen brennen. Doch dazu benötige ich Eure Hilfe. Ich habe bereits weitreichende Vorkehrungen getroffen, um Beilunk zu Fall zu bringen. Doch bin ich kein Heerführer. Ich benötige die Unterstützung Eures hehren Ordens. Die Männer Eures Gefolgsmannes Iradon Kolenfeld, des Blutrichters von Elburum, werden genügen. Wenn Zant und Irrhalk sich vereinigen und sich die Götter gegeneinander stellen, werden wir obsiegen. Die Schlange wird den Greifen beißen, der Greif wird brennend vom Himmel stürzen und Beilunk nur noch Asche sein. Dann werdet Ihr das Euch verheißene Schwert ergreifen und es in Haffax verfaulten Leib stoßen. »

Bei dem Gedanken an Helme Haffax’ Tod kroch in Belharion eine hitzige Erregung empor. Mit einem hämischen Grinsen beugte sich der Hochmeister vor und zeigte seine gelben Zähne. Dieses Mal klang seine Stimme kaum noch wie das zornige Knurren eines Zants, sondern vielmehr wie das Schnurren einer Katze: « Dein Plan gefällt mir. Erzähl mir mehr. »

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 11.02.2015 00:48

CAPITULUM XXII: SECRETUM MONACHORUM RUBRORUM – DAS GEHEIMNIS DER ROTEN MÖNCHE

Koschberge im Hesinde 1032 BF. Mit der Ankunft Bruder Sonnliebs hat auch der Winter mit seiner unerbittlichen Jagdmeute Einlass in die Koschberge gefunden. Fast jeden Tag fegt eiseskalter Wind um die Gipfel, wirbelt unablässig Schnee umher, heult um die Mauern, rüttelt an den Fenstern und Türen. Nach der kurzen Freude ihres Wiedersehens, fällt Lechdan immer wieder auf, wie sich Bruder Sonnlieb zunehmend zu einem wortkargen, recht mürrischen und in sich gekehrten Zeitgenossen entwickelt. Es scheint ihm, als hinge er fernen Gedanken nach oder als lastete ein dunkler Schatten auf seiner Seele. Lechdan ist versucht, die Stimmung seines Freundes den Einflüssen der schwarzen Galle zuzuschreiben, deren aufsteigende Dämpfe zuweilen das Herz verdrießlich und den Geist düster machen. Doch dann fallen ihm zunehmend weitere Seltsamkeiten auf, auf die er sich keinen Reim machen kann: Einmal sieht er aus der Ferne, wie Bruder Sonnlieb in ein Gespräch mit einem Novizen vertieft ist, das offenbar im Flüsterton geführt wird. Doch als er ihm entgegeneilen will, sind beide plötzlich auch schon wieder verschwunden. Und an einem anderen Tage bemerkt er das Fehlen des Laienpredigers bei der Mittagsandacht. Als er ihn wenige Stunden später wiedersieht und fragt, ob es ihm nicht gutgehe, will Sonnlieb nicht so recht antworten. Als Lechdan nachbohrt, verfinstert sich schließlich seine Miene, und mit funkelnden Blicken antwortet er barsch: „Ja, du hast Recht. Es ging mir nicht gut“ – und erklärt das Gespräch kurzerhand für beendet.

In der letzten Woche des Hesindemondes hat Lechdan einen seltsamen Traum. Ihm träumt, als würde er durch das Knarren seiner Zellentür aus den Schlaf gerissen werden. Er öffnet die Augen und sieht, wie sich Bruder Sonnlieb hastig ankleidet und aus der Kammer schleicht. Neugierig erhebt sich Lechdan und folgt dem Prediger über den Gang bis zu einem dunklen Raum. Dort verschwindet dieser, mitten durch flammende Holzscheite hindurch. Lechdan wendet sich ab und wandelt eine schmale Wendeltreppe in die Tiefe, bis er schließlich die Krypta der Abtei betritt. Doch ein Gefühl beschleicht ihn, dass etwas nicht stimmt. Und plötzlich erkennt er, dass es nicht in dem Kloster am Greifenpass, sondern sich in der Krypta des Klosters Arras de Mott im Finsterkamm befindet. Die Fratzen an den Wänden bewegen sich, verhöhnen ihn und speien nach ihm. Panisch sucht er den Ausgang, aber nirgends kann er die Treppe, die er eben noch hinuntergestiegen war, wiederfinden. Da schält sich aus einem Freskenbild ein stolzer Greif, dessen weiß-golden schimmerndes Gefieder sich vor seinen Augen schlagartig verdunkelt. Fauchend speit der Höllengreif Feuer und verschlingt der Länge nach eine ausgebreitete Schriftrolle, auf dem Lechdan in blutiger Schrift das Wort Sumyrdalun erkennt. Mit einem hasserfüllten Schrei streckt er das Ungeheuer zu Boden und reißt es in Stücke. Daraufhin verwandelt es sich in eine wunderschöne, lichtumflutete Frauengestalt, deren Antlitz Lechdan an das Altarbild der Heiligen Lechmin aus seinem Heimatort erinnert, das er aber schon seit seinem zehnten Lebensjahr nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Wesen aus reinem Licht erscheinen und tragen den gemarterten Leichnam der Frau einem lichtdurchfluteten Himmel entgegen, wonach sich Lechdan selbst in lauernder, beseelter Düsternis wiederfindet. Glühende Lanzen durchbohren seinen Leib und seine Seele lodert in Höllenfeuer, als sich gesichtslose Mönche in roten Kutten nähern. In ihren Händen halten sie Ruten, Geißeln und Folterzangen. „Schwör ab! Schwör ab, Ketzer!“ rufen sie ihm zu, als Lechdan davonrennt. Keuchend und leise wimmernd erreicht er seine Kammer, doch auf seiner Pritsche findet er seinen eigenen, von einem Bratspieß durchbohrten Leichnam vor, aus dessen Mund und Augäpfeln Maden quellen und um dessen Hals sich das Skelett einer Schlange ringelt. Der Hohe Lehrmeister, er erkennt ganz deutlich den vor mehreren Jahren gestorbenen Nicola de Mott, hebt mahnend den Zeigefinger, der nur ein Knochen ist, und voller Entsetzen springt Lechdan durch das Fenster in eine Masse von Unrat. Zerlumpte, skelettierte Gestalten nähern sich kichernd. Die toten Mönche des Gräberfeldes sind zum Leben erwacht. Unter ihnen sind Bruder Sonnlieb, Lumin Ehrwald und Goswyn von Wetterau – aber auch seine beiden horasischen Gefährten Ghiberto und Boldrino. Stöhnend windet sich Lechdan im Dreck, als sein Angstschrei laut an den Klostermauern widerhallt und ihn schweißgebadet aus seinen schrecklichen Alpträumen reißt. In der Dunkelheit tastet er nach der Bernsteinscheibe, die er seit der Begegnung mit dem Falken stets bei sich trägt, umklammert sie schwer atmend und kommt langsam wieder zur Ruhe. Ermattet schläft er bald wieder ein.

Als er am nächsten Morgen aufwacht, stellt er verwundert fest, dass Bruder Sonnlieb fort ist. Da Lechdan Sonnliebs wenige Habseligkeiten nirgendwo finden kann, vermutet Lechdan, dass sein alter Freund wohl in aller Frühe klammheimlich und ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen die Abtei verlassen hat. Auf Lechdans Nachfragen zucken einige Mönche ahnungslos mit den Schultern und entgegnen, dass der Wanderprediger wohl abgereist sei. Ein Gefühl von Enttäuschung umfasst sein Herz und auf seiner Zunge schmeckt Lechdan den Geschmack von Bitternis. In den Stallungen stellt er fest, dass Sonnliebs altes Maultier in der Tat nicht mehr an seinem Platz ist. Als er den Stall wieder verlässt, erblickt er in einem Fenster den Stellvertreter des Abtes, der gerade einen Botenfalken in die Lüfte wirft. Als er Ghiberto und Boldrino wiedertrifft und sie nach dem Wanderprediger fragt, wissen auch sie nichts zu berichten. Gemeinsam durchsuchen die Gefährten die Schlafkammer und können schließlich ein Buch entdecken, das zwischen die Wand und Bruder Sonnliebs Bett gerutscht war. Bei dem Folianten handelt es sich um eine halb zerfledderte Ausgabe des Werkes Vom Wesen des Koscherlandes. Landt und Leute, Historia und Symbola, das von einem Hesinde-Geweihten namens Siopan von Salmingen verfasst wurde. An sich wäre an dem Werk nichts besonderes, doch bemerkt Lechdan nach einer schnellen Durchsicht, dass Bruder Sonnlieb mit einem Kohlenstift eine Stelle markiert hatte, in der von mysteriösen Stollen in den Koscher Bergen die Rede ist, die einst bösartige Hexer mit finsterster Zaubermacht graben ließen. Sollte es also möglich sein, dass Bruder Sonnlieb sich allein auf eine Queste in die Berge begeben hat, um einen dieser vergessenen Stollen zu finden?

Da sich der Prediger aus Greifenfurt in den letzten Tagen auch verschiedene Male in der Bibliothek aufgehalten hatte, begeben sich die Gefährten dorthin und fragen den Bibliothekarius Baduar nach den Schriften, die Sonnlieb gelesen hatte. Ihr Verdacht bestätigt sich, als ihnen der Hüter daraufhin ein historisches Werk über die Magierkriege in die Hand drückt. In dem Folianten erfahren sie, dass der Kosch am Ende des 6. Jahrhunderts nach Bosparans Fall ein wichtiger Schauplatz der Konflikte zwischen den Anhängern Rohals und des schändlichen Bethaniers war. Auf dem Gebiet des Greifenpasses herrschte damals ein grausamer Magier namens Algorton. Sein Sitz war die basaltene Feste Koschwacht, die nahe der Herberge liegt, in der die Gefährten in ihrer ersten Nacht auf dem Pass genächtigt hatten. Doch auch an anderen Stellen, oftmals schwer zugänglichen Stellen des Gebirges soll er Stützpunkte unterhalten haben. Grausam unterdrückte er die Bevölkerung und ließ sie als Sklaven in unzähligen Minen den bläulich schimmernden und äußerst kostbaren Koschbasalt abbauen. Der Heilige Kupperus, von dessen Legende die Gefährten auf ihrem Weg über den Greifenpass erfahren hatten, soll einst sein Schüler gewesen sein, der sich jedoch schließlich von seinem finsteren Meister lossagte und seine Seele durch gute Taten läuterte. Es heißt, dass der Heilige noch immer in einer Höhle irgendwo in den Koschbergen im Schlaf liegt und über die Menschen der Gegend wacht. Die Gefährten sind ratlos: Machte sich Sonnlieb vielleicht auf die Suche nach dieser Höhle? Oder sucht er gar nach einem gefährlichen Artefakt aus dem Besitz des tyrannischen Hexenmeisters, um es zu vernichten oder in Sicherheit zu bringen? Und warum hatte er vor seiner eiligen Abreise nicht Lechdan in sein Vorhaben mit eingeweiht?

Lange Zeit tauschen sich die Gefährten über die Beweggründe und den Verbleib des Predigers aus. Lechdan erklärt, dass er seinen alten Freund finden wolle, denn bei diesem Wetter könne dieser wohl kaum länger als einige Tage in der Wildnis überleben. Doch in welche Richtung sollten sie gehen? Da es bereits dunkel ist, können sie sich nicht mehr auf die Suche nach Fußspuren machen. Und am nächsten Tag ist es bereits zu spät: Denn schon in der Nacht ist ein weiterer Schneesturm aufgezogen, der jede Suche nach möglichen Spuren zunichte macht. Die nächsten Tage verbringt Lechdan in einer seltsam angespannten Stimmung, die sich schließlich in einen zunehmenden Verdruss steigert, als Bruder Sonnlieb nicht mehr ins Kloster zurückkommt. Gemeinsam mit seinen Gefährten unternimmt er schließlich eine Suche im Umland der Abtei. Doch sie können – zumal sie wegen des dichten Schneetreibens kaum etwas sehen – keine Spur des Predigers finden und werden durch das Wetter bald wieder zur Rückkehr gezwungen.

Am nächsten Tag unternehmen sie einen zweiten Versuch und gelangen bis nach Dunkelhain. Die Bewohner des Ortes können sich noch gut an den durchgefrorenen Reisenden erinnern, der hier vor drei Wochen untergekommen ist. Doch seither habe ihn niemand gesehen, er kann er also nicht in Dunkelhein vorbeigekommen sein. Doch plötzlich fällt Lechdan etwas auf, als sie an einem Bauern vorrübergehen, der sich gerade mit einem störrischen Maultier plagt: Das Maultier gleicht bis aufs Haar Bruder Sonnliebs altem Esel. Zur Rede gestellt, berichtet der Bauer, dass ihm erst vor vier Tagen der Proviantmeister des Hüterklosters das Tier für einen lächerlich geringen Preis geradezu aufgedrängt habe. Lechdan befürchtet nun das Schlimmste. Womöglich sei dem Prediger etwas zugestoßen. Möglicherweise habe er die Abtei gar nicht verlassen, sondern befände sich noch innerhalb ihrer Mauern. Sofort machen die Gefährten kehrt. Lechdan will den Proviantmeister mit seinem Verdacht konfrontieren, doch Ghiberto und Boldrino raten ihm zur Vorsicht. In einer solchen Situation sei es nicht angeraten, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Da die Mönche sie jederzeit aus dem Kloster werfen können, sollten sie lieber einen kühlen Kopf bewahren und mit unauffälligeren Mitteln versuchen herauszufinden, was genau mit Bruder Sonnlieb passiert ist.

Zurück im Kloster gelingt es Ghiberto unterdessen, mit einigen Silberstücken das Vertrauen eines Knechts namens Eichert zu gewinnen, mit dem er sich zu einem heimlichen Treffen in der Nacht verabredet. Von ihm erfährt der Horas-Ritter, dass er in der Nacht vor dem Verschwinden Bruder Sonnliebs in der Nähe der Krypta ein lautes Poltern und einen erstickten Schrei gehört habe, der von unten her zu kommen schien. Auch weiß der Knecht zu berichten, dass er den Prediger einen Tag zuvor in einem Gespräch mit dem Novizen Alerich beobachtet hatte. Gemeinsam mit seinen beiden Gefährten sucht Lechdan am nächsten Tag Alerich im Dormitorium der Novizen auf und befragen ihn zu seinem Treffen mit Bruder Sonnlieb. Alerich bekommt es spürbar mit der Angst zu tun und ergeht sich zunächst in Ausflüchten. Erst zögerlich gesteht er, dass er mit Sonnlieb geredet hatte. Der Bekenner schien an der Krypta und dem gesamten Bereich unterhalb des Klosters interessiert zu sein. Erst auf entschiedenes Nachfragen rückt er mit weiteren Informationen raus. Das Gespräch habe sich um eine verborgene Treppe gedreht, die von der Krypta in ein geheimes Kellergewölbe führe, das nur über diese Treppe zu erreichen ist und deren Versteck er dem Prediger schließlich verraten hatte. Gerade wollen Ghiberto und Lechdan weiterfragen, als ihr Gespräch plötzlich durch den Küchenmeister Korbrandt unterbrochen wird, der mit barschen Worten nach dem Novizen ruft und dabei Lechdan, Boldrino und Ghiberto misstrauische Blicke zuwirft. Langsam dämmert es den Gefährten, dass Bruder Sonnliebs Interesse nicht einem Ort außerhalb, sondern vielmehr innerhalb der Abtei gegolten habe und er sich womöglich noch immer innerhalb ihrer Mauern aufhält.

In der Klosterchronik erfahren sie, dass es sich bei dem Gebäude der Abtei um eine alte, umfunktionierte Bergfeste handelt, unter der einst der Hexenmeister Algorton nach Koschbasalt schürfen ließ. Womöglich, folgert Lechdan, nutzen die Mönche die alten Minenstollen, um – gemäß des Auftrags ihres Ordens – gefährliche Artefakte und verbotene Schriften zu verwahren. Nach der Mittagsandacht versuchen sie, unauffällig die Krypta in Augenschein zu nehmen, in der sie den Zugang zu diesen Tunneln vermuten. Langsam steigen sie die Treppe herab in das feuchte Gewölbe, das nur von einigen wenigen Kerzen erhellt wird. Mit stockendem Atem blicken sie sich um und erschaudern beim Anblick der grässlichen Fresken und Totenschreine. Doch nach nur einigen Schritten vernehmen sie plötzlich ein seltsames Geräusch, bei dem sie unwillkürlich zusammenzucken. Im schummrigen Licht der Kerzen sehen sie am Ende der Krypta eine dunkle Gestalt, die zusammengekrümmt vor einem Reliquienschrein hockt und in einem murmelnden Singsang Gebete rezitiert. Als die Gefährten näher kommen, dreht sich die Gestalt nach ihnen um. Mit finsterer Miene starrt ein greisenhafter Mönch ins Kerzenlicht und krächzt wütend: „Fort, verschwindet! Allein sein will ich! Geht!“ Mit einem Schaudern weichen die Gefährten zurück und machen kehrt, während hinter ihnen noch immer die Stimme des zeternden Alten gellt: „Verschwindet!“

In den späten Abendstunden des selben Tages unternimmt Bruder Lechdan einen Spaziergang über den verschneiten Wandelhof, als er auf dem nahen Anger zwischen hohen Grabsäulen die dunklen Umrisse zweier Mönche entdeckt. Während er sich von Neugier getrieben vorsichtig nähert, wird er Zeuge, wie der Botanicus der Abtei einem Novizen einen Büschel Rauschkräuter verkauft. Nachdem sich die beiden wieder getrennt haben, folgt Lechdan dem Botanicus. Dabei tritt er auf einen Zweig und erschreckt durch das plötzliche Geräusch den Hüter so sehr, dass dieser herumwirbelt, dabei das Gleichgewicht verliert und zu Boden geht. Als Lechdan dem Hüter aufhilft, fleht ihn dieser mit hochrotem Gesicht an, ihn nicht bei der Ordensleitung zu verraten. Lechdan nickt beschwichtigend und fordert ihn auf, ihm alles, was er über den Verbleib Sonnliebs wisse, zu erzählen. Der Botanicus berichtet daraufhin, dass sich Bruder Sonnlieb in einem geheimen Kerker unterhalb des Badehauses befindet. Hüter Melcher, der Stellvertreter des Abtes, habe verfügt, den Greifenfurter Prediger dort einzusperren, nachdem man ihn bei einem Einbruch in einen verbotenen Bereich unterhalb des Klosters erwischt hatte. Zurück im Wohntrakt beschließt Lechdan gemeinsam mit Boldrino und Ghiberto, am nächsten Tag nach einem Weg zu suchen, um in den Kerker zu gelangen und mit Sonnlieb zu sprechen.

Nach der Morgenmesse unternehmen die Gefährten einige Versuche, im Badehaus nach dem Zugang zum Verließ zu suchen, müssen jedoch feststellen, dass ein Novize – wohl ein Gehilfe des misstrauischen Küchenmeisters Korbrandt – jeden ihrer Schritte heimlich beobachtet. Auch ein Gespräch mit Eichert dem Knecht verläuft ihm Sand, als sich dieser plötzlich sehr ängstlich und unwillig zeigt, Ghiberto weitere Auskünfte zu erteilen. Am Abend überschlagen sich schließlich die Ereignisse, als vom Hof her lautes Gepolter und aufgeregte Schreie vom Hof zu den Fenstern der Wohnzellen empor hallen. Die Gefährten schauen aus dem Fenster und sehen den Hof taghell von Fackeln erleuchtet. Die Bewohnerschaft des Klosters versammelt sich vollständig auf dem Hof, als unter lautem Lärm ein gutes Dutzend Geharnischte mit den weißen Wappenröcken des Bannstrahlerordens und dem Zeichen der Heiligen Inquisition in das Kloster einreiten. Als sie sich auch auf den Hof begeben, erblicken die Gefährten am Kopf des waffenstarren Zuges den ihnen bereits bekannten – und mittlerweile durchaus verhassten – Inquisitionsrat Croenar Griffhardt von Widdernhall. Hüter Melcher geht auf den Inquisitor zu, küsst ihm unterwürfig den Ring und dankt ihm wortreich für sein rasches Kommen. Nachdem die Bannstrahler abgesessen sind, übergibt einer von ihnen Hüter Melcher einen Vogelkäfig mit dem Botenfalken, den dieser vor einigen Tagen Gratenfels ausgesandt hatte. Lechdan schaut hilfesuchend zu seinen Gefährten, und auf seinem Gesicht steht deutlich die Sorge um seinen alten Freund geschrieben.

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 13.04.2015 13:51

CAPITULUM XXIII: DE IGNOMINIA – VON DER SCHANDE

Koschberge im Firun 1032 BF. Am Tag der Wintersonnenwende, dem firunheiligen Tag der Jagd, wird das Inquisitionsgericht gegen Bruder Sonnlieb eröffnet. Einige Stunden vor Prozessbeginn eilt der Novize Alerich auf Lechdan zu und berichtet ihm schwer atmend, dass er am gestrigen Abend ein vertrauliches Gespräch zwischen Hüter Melcher und den Inquisitionsrat Croenar Griffhardt von Widdernhall belauscht habe. Dabei habe er erfahren, dass der Inquisitor wohl wegen seines übermäßigen Ehrgeizes in Elenvina in Ungnade gefallen war und daher in die Provinz nach Gratenfels versetzt wurde. Sein Wille, sich in den Augen der Inquisition hervorzutun, sei nun größer als je zuvor. Seine Ambitionen werden zusätzlich durch den Umstand angefacht, dass seit dem Verschwinden des Großinquisitors die Führung der Inquisition vakant sei und wohl bald ein großes ‚Stühlerücken’ anstehe, sollte man den vermissten Amando Laconda da Vanya für tot erklären. Der Inquisitionsrat Croenar, so schien es in dem Gespräch, sei von einem heiligen Eifer ergriffen, der letztlich aber dadurch zu erklären sei, dass er sich innerhalb seines Ordens für höhere Aufgaben empfehlen wolle. So reagierte er auch ohne zu zögern, als er die Nachricht des Hüters Melcher empfing, und machte sich auf den Weg über den Greifenpass.

Bruder Sonnlieb, fährt Alerich fort, werde seit Tagen in einer gesonderten Gebetszelle, die letzten Endes aber nichts anderes als ein Gefängnis sei, gegen seinen Willen festgehalten. Ihm werde vorgeworfen, in die geheimen Schatzkammern unterhalb der Krypta einzubrechen, um die Gemeinschaft der Hüter zu bestehlen. Als Hüter Melcher den Inquisitionsrat davon in Kenntnis setzte, dass Bruder Sonnlieb zudem ein Anhänger der Greifenfurter Bekenner – einer sektiererischen Gemeinschaft von braniborischen Praiosgläubigen, die das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit über alle weltlichen Gesetze und Autoritäten stellen – sei, konnte Croenar nur mit Mühe einen Freudenschrei unterdrücken. Auf Melchers fragende Miene erklärte der Inquisitor daraufhin, dass er schon seit Langem darauf warte, dass die Bekenner ihr wahres Gesicht zeigen, und er ihm so schnell wie möglich den Prozess machen wolle. Zu lange schon hätten diese fanatische Splittergruppe die Communio Luminis mit ihren lästerlichen Schimpfreden beschmutzt, nun läge erstmals in der Geschichte ein Präzedenzfall vor, mit dem man die Bekenner bloßstellen und ihre wahren Absichten offenlegen könne.

Nachdem sie diese beunruhigenden Neuigkeiten vernommen haben, haben die Gefährten nur wenig Zeit, sich auf den Prozess vorzubereiten. Bald schon erklingt der Tempelgong. Bruder Sonnlieb wird vor den Augen aller Klosterbewohner aus seiner Zelle geholt und in den Versammlungssaal der Mönche gebracht. Der Greifenfurter Laienprediger sieht zermürbt und müde aus, an seinem rechten Ohr klebt trockenes Blut. Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust und begleitet von Ghiberto und Boldrino, begibt sich Lechdan in das Refektorium, wo kurz darauf nach einem kurzen Gebet der Prozess gegen seinen alten Freund eröffnet wird. Der Inquisitor verliest die Anklageschrift, in der er dem Prediger vorwirft, gegen die Grundsätze des Klosters aufbegehrt und den Versuch unternommen zu haben, den Orden zu bestehlen. Lautstark versucht Bruder Sonnlieb das Wort zu ergreifen, als ihn die Bannstrahler zur Antwort hart zu Boden reißen. Der Heiligen Inquisition lägen darüberhinaus Erkenntnisse vor, führt Croenar Griffhardt von Widdernhall fort, denen zufolge Sonnlieb und Seinesgleichen – gemeint ist die Gemeinschaft der Bekenner – gegen die Grundsätze der Kirche gepredigt hätten, indem sie die durch Praios gefügte Ständeordnung, die einem jeden ihren rechten Platz in der harmonischen Ordnung der Welt zuweist, mit fanatischer Wut immer wieder angegriffen und in Frage gestellt, ja dadurch dem einfachen Volk der Mark Greifenfurt Hass und Rebellion gepredigt hätten. Auch gegen die Kirche selbst, deren Rechtschaffenheit und Heiligkeit unbestreitbar sei, würden sie zuweilen ketzerische Reden führen und dadurch die Geister der einfachen, unbedarften Landbevölkerung mürbe und ihre Seelen für die Einflüsterung der Niederhöllen gefügsam machen.

Schließlich wird Sonnlieb gestattet, sich zu der Anklageschrift zu äußern. Zunächst versucht er, die Überzeugungen der Bekenner in ein rechtes Licht zu rücken. An der Gottesfürchtigkeit der ehemaligen Illuminata Lechmin von Hartsteen, die das Herz und der Kopf der Bekenner sei, dürften keine Zweifel bestehen – denn nicht umsonst hatte der heilige Lichtbote sie zu Beginn des Jahres auserkoren, als sein persönlicher Legat durch aller Herren Länder zu reisen und den Schutz der Tempel sicher zu stellen. Und ebenso wie Lechmin von Hartsteen ginge es ihren Anhängern mitnichten um eine Infragestellung der Verhältnisse im Reich – lediglich um die einem jeden Manne und einer jeden Frau einleuchtende Tatsache, dass nicht nur der Knecht und der Bauer, sondern auch der Priester, der Graf und der Ritter der göttlichen Gerechtigkeit gehorsam schuldeten. Nicht einmal die Kaiserin stehe über den Geboten des Himmlischen Richters. Daher komme auch das Recht nicht von weltlichen Gesetzen, sondern leite sich allein von Praios ab, der den Menschen in seiner unendlichen Güte ein ursprüngliches und vom Herzen her kommendes Gefühl für Gerechtigkeit geschenkt habe.

Allein in einem Punkt gibt Bruder Sonnlieb der Anklageschrift recht: Die Bekenner strebten eine Erneuerung der Kirche an. Doch sei er fest im Glauben, dass dies in völligem Einklang mit dem Wille des Götterfürsten steht, der seine frommen Diener in der Prophezeiung durch hundert Zungen ja gerade dazu aufrief, sich von Neuem auf den Kern des Glaubens zu besinnen und ihre Seelen von all dem glänzenden Tand, den Eitelkeiten und den Unwahrheiten, welche die Amtskirche schon zu lange beschwert hätten, zu befreien. Und zu Ehren des Angedenkens jener anderen großen Erneuerer des Glaubens – Sonnlieb zählt unter anderem Silem-Horas, den Lichtboten Yarum Praiofold I. und Lechmin von Hartsteen auf –, werde er nicht eher ruhen, eine Erneuerung der Gemeinschaft des Lichts anzustreben, bis er durch das Wort des Götterfürsten oder seiner himmlischen Sendboten widerlegt werden würde. Er gesteht schließlich, dass er das Kloster mit dem Ziel betreten habe, einen Zugang zu den alten, aus der Zeit der Magierkriege stammenden Stollen unterhalb des Bauwerks zu finden, von denen er in einem Buch gelesen hatte. Und er gesteht auch, dass er in diese Minengänge, in denen die Mönche verbotene Schriften und gefährliche Artefakte horten, eingedrungen sei – doch nicht um zu stehlen, sondern um einen Verdacht, den viele seiner Mitbrüder erhoben hätten, zu überprüfen. In der Mark Greifenfurt, aber auch anderenorts, ginge das Gerücht um, dass die Kirche seit Jahrhunderten die finstere Wahrheit über die Irrungen und Freveltaten der Priesterkaiser vor dem Antlitz der Welt verbirgt. In der Zeit des weisen Rohal hätten gottesfürchtige Praioten, auf die sich die Gemeinschaft der Bekenner zurückbezieht, Beweise angehäuft, welche die Untaten der Priesterkaiser zweifelsfrei belegen würden. Dabei nennt Sonnlieb mehrmals und mit besonderer Betonung ein halblegendäres, fast allen Anwesenden völlig unbekanntes Schriftstück namens „De ignominia et contra oblivionem“ (Von der Schande und gegen das Vergessen), das auch als Yerodinsepistula bezeichnet wird. In dieser Schrift soll der damalige Lichtbote Yerodin die Verbrechen der Priesterkaiser anerkannt und im Namen der Gemeinschaft des Lichts vor Praios Abbitte geleistet haben.

Während seiner Ausführungen richtet Bruder Sonnlieb immer wieder seinen Blick auf Lechdan, woraufhin diesen das Gefühl beschleicht, dass ihm der Angeklagte einen versteckten Hinweis geben wolle. In der Yerodinsepistula, so Sonnlieb weiter, soll der Lichtbote erklärt haben, dass die Priesterkaiser Furcht und Schrecken unter ihre Untertanen gebracht und sich wider Praios’ ehernes Gesetz zu Tyrannen erhoben hätten. Nicht mehr auf die Gnade und die Herrlichkeit des Herrn des gleißenden Lichts sei ihr Sinnen und Trachten ausgerichtet gewesen, sondern allein auf den Götzendienst an der weltlichen Macht, und dies unter dem Hohnlachen der zwölfmal verfluchten Diener der Finsternis. Bei seinen letzten Worten überschlägt sich Bruder Sonnliebs Stimme, der Saal ist mit einem Mal totenstill. „Eine Lüge!“ ruft plötzlich der Inquisitionsrat und „Lügner!“ und „Ketzer!“ rufen schließlich auch die Bannstrahler und ein Teil der Mönche. Croenar scheint außer sich vor Wut, die Klostermeister schütteln fassungslos die Köpfe. Nur ein von Rachegelüsten Verwirrter sei in der Lage, fromme Mönche zu bestehlen, um seine frevlerischen Reden untermauern zu wollen, sagt der Inquisitionsrat schließlich, als es im Refektorium wieder leiser wird.

Bruder Sonnlieb protestiert lautstark, doch abermals wird der Angeklagte von einem Bannstrahler unsanft zum Schweigen gebracht. Als erster Zeuge tritt ein Stallknecht ein, der darlegt, dass er gehört habe, wie Sonnlieb mit einem höhnischen Kichern zu seinem Esel gesagt hätte, dass seine Pläne aufgehen würden und die Rache süß sein werde. Nachdem weitere, offenbar gekaufte oder unter Druck gesetzte Zeugen aufgerufen wurden, wird schließlich auch Lechdan in den Zeugenstand zitiert. Er versucht alles zu tun, um seinen Freund zu helfen. Doch schließlich bemerkt er, dass Croenar von Widdernhall durch geschicktes Nachfragen versucht offenzulegen, dass er die Ansichten des Angeklagten teile, um ihn ebenfalls als Ketzer zu diffamieren und dadurch seiner beherzten Fürsprache den Boden zu entziehen. Als es ihm gelingt, sich dem Griff des Inquisitors zu entwinden, und ihm schließlich gestattet wird, den Zeugenstand wieder zu verlassen, raunt ihm Sonnlieb zu: „Dein Vater Angbart vom grünen See wäre stolz auf dich.“ Verwirrt geht Lechdan zurück zu Boldrino und Ghiberto und denkt über Sonnliebs seltsame Worte nach. Denn sein Vater heißt mitnichten Angbart, sondern vielmehr Gyldemar von Greifenberg. Für einige Augenblicke glaubt, Lechdan, der Prediger habe nun entgültig den Verstand verloren, doch dann dämmert ihm plötzlich, dass diese Worte womöglich ein versteckter Hinweis gewesen sein mögen. Als er um sich herum schaut, bemerkt er, dass in der Schar der Klostermeister der Hüter Korbrandt fehlt. Er wechselt einige flüsternde Worte mit seinen beiden Gefährten und eilt wenig später unauffällig hinaus aus dem Versammlungssaal.

Mit dem Ziel vor Augen, Sonnliebs Aussagen vielleicht doch noch bestätigen zu können, betritt er in den Tempel und steigt in die Krypta hinab. Dort findet er nach längerer Suche die Grabplatte eines vor Jahrzehnten verstorbenen Hüters namens Angbartus Lagufridis. Seine guten Bosparanokenntnisse verraten ihm schnell, dass der Name ‚Lagufridis’ so ähnlich klingt wie ‚lacus viridis’, also grüner See. Tatsächlich findet er schnell heraus, dass die Grabplatte locker ist und in Wirklichkeit einen versteckten Zugang zu einem feuchten Kellergewölbe birgt. Von dort aus schleicht er leisen Schrittes weiter, bis er einen Durchbruch in der Wand erreicht, hinter dem ein weit verzweigtes Netz jener geheimnisvollen Minenstollen beginnt, in dem die Hüter verbotene Schriften, grässlich anzusehende Götzenbilder und gefährliche arkane Artefakte verbergen. Gerade will Lechdan mit der Suche nach dem von Bruder Sonnlieb erwähnten Schriftstück aus der Rohalszeit beginnen, da ertönt aus der Dunkelheit ein hämisches Lachen. Lechdan erhebt seine Fackel und erblickt die Gestalt des Küchenmeisters Korbrandt. Mit einem schiefen Grinsen und schneidender Stimme spricht Korbrandt: „Ich habe dich von Anfang an in Verdacht gehabt, mit dem Frevler unter einer Decke zu stecken. Doch dein Freund hat dich belogen, hier gibt es nichts, was seine Aussagen beweisen würde. Er ist bald tot und du bist es auch!“ In seiner Hand blitzt ein Fleischerbeil auf. Lechdan lässt die Fackel fallen und fasst seinen Stab fester. Mit seinem großen Satz ist der Küchenmeister auch schon heran und schwingt das Beil in Lechdans Richtung. Lechdan weicht zurück, lässt das untere Ende seines Stabes emporschnellen und trifft den Arm seines Gegners. Ehe dieser sich versieht, schnellt das andere Ende des Stabes hernieder und trifft den Ordensmeister hart in die Seite. Mit weit ausholenden Gesten versucht Korbrandt, Lechdan mit dem Fleischerbeil zu treffen und verwundet ihn schließlich an der Schulter. Die Wunde ist so tief, dass Korbrandt all seine Kraft braucht, um das Beil wieder aus der Schulter zu ziehen. Lechdan schreit laut auf und hiebt blind vor Schmerz immer wieder auf seinen Gegner ein. Dieser weicht Schritt für Schritt zurück, dann trifft ihn plötzlich Lechdans Stab mit voller Wucht an der Hand. Das Fleischerbeil fällt zu Boden. Ein weiterer Schlag trifft ihn mitten ins Gesicht. Blutige Speichelfäden spritzen ihm aus den Mund, er taumelt zurück, da trifft ihn der nächste Schlag in die Magengrube. Korbrand krümmt sich vor Schmerz und versucht, die am Boden liegende Waffe zu ergreifen, doch Lechdan wirbelt mit seinem Stab herum und lässt ihn ein letztes Mal auf den Ordensmeister niedersausen. Plötzlich ist es still. Korbrand liegt bewegungslos auf dem steinernen Boden, aus seinem Mundwinkel und seinen Nasenlöchern rinnt Blut. „Was habe ich getan?“ flüstert Lechdan schwer atmend zu sich selbst und blickt ungläubig auf seine eigenen Hände. Bald erinnert ihn der Schmerz in seiner Schulter daran, dass er in Notwehr gehandelt habe. Und dennoch, war es nicht Sünde, die Waffe gegen einen Diener des Götterfürsten zu erheben?*

Glücklicherweise ist Hüter Korbrandt nicht tot, sondern liegt nur besinnungslos und mit mehreren blutigen Prellungen am Boden. Nachdem er die Wunde in seiner Schulter notdürftig mit einem Stück Stoff verbunden hat, durchsucht Lechdan schließlich den Raum, öffnet Truhen und Kisten und entdeckt schließlich eine mit dem gebrochenen Siegel der Stadt des Lichts versehene Schriftrolle, die mit für die Rohalszeit typischen elfisch anmutenden Illuminationen verziert ist und den Titel „De ignominia et contra oblivionem“ trägt. Ein kurzer Blick auf das Pergament offenbart ihm, dass es sich um ein Schreiben an Rohal den Weisen handelt, in dem der Heliodan in aller Genauigkeit die Untaten der Priesterkaiser aufzählt und Praios wiederholt um Gnade für den Sündenfall der Kirche bittet. An einer Stelle ist gar von finsteren Unheiligtümern die Rede, die unterhalb von Gareths Praios-Tempeln errichtet worden sein sollen. Mit dem beschwingenden Gefühl, einen Beweis für Sonnlieb Unschuld gefunden zu haben, das ihn seine schweren Schmerzen kurzzeitig vergessen lässt, begibt er sich umgehend zurück in den Versammlungssaal. Ein Raunen geht durch die Anwesenden, als er den Inquisitionsrat unterbricht, der gerade ankündigt, nun das Urteil zu verkünden, und das Schriftstück als Beweis für die Behauptungen des Angeklagten vorlegt. Croenar von Widdernhall erhebt sich und donnert mit hochrotem Kopf, dass dies alles ketzerische Lügen seien. Doch sowohl der Bibliothekarius als auch der Skriptenmeister sprechen sich dafür aus, die Schrift zu prüfen. Der Bibliothekarius, Hüter Baduar, liest die gesiegelte Pergamentrolle vor, die Sonnliebs Aussage in fast allen Punkten bestätigt. In die Ecke gedrängt, geht der Inquisitor schließlich zum Angriff über. Mit herrischer Stimme bemerkt er, dass der Heliodan Yerodin sich lediglich ein einziges Jahr lang in seinem Amt gehalten habe. Möglicherweise seit er vom Gottesfürsten sogar nie dafür vorgesehen gewesen, die Heilige Tiara zu tragen. Sein Schicksal war Wahnsinn und Umnachtung, was ihn schließlich dazu trieb, sich einem Turm der Stadt des Lichtes, der auch heute noch als ‚Yerodinsturm’ bekannt ist, in den Tod zu stürzen. Wie könne so ein Mensch die Klarsichtigkeit gehabt haben, sich ein Urteil über die Taten oder die Untaten der Priesterkaiser bilden zu können?

„Und Ihr wähnt euch in der Lage, darüber zu urteilen?“ ertönt plötzlich die Stimme einer Frau, die klar und laut durch die Halle hallt. Alle Köpfe drehen sich zum großen Portal der Versammlungshalle, wo gerade zwei fremde Gestalten in Reisegewandung eingetreten sind. Auch Croenar wirbelt herum und ruft hasserfüllt: „Wer wagt es...“ – doch dann hält er inne, als die Frau ihre Kapuze zurückschlägt. Lechdan erkennt sie sofort: Es ist Lechmin von Hartsteen, die persönliche Gesandte des Heliodans. Neben ihr steht der Hohe Lehrmeister Tarjok, der Abt des Klosters, der wohl die Legatin von Angbar aus über den Greifenpass geführt hatte. Croenar wird leichenblass, doch selbst gegenüber einer Legatin des Lichtboten weigert er sich, klein beizugeben und leistet sich mit ihr ein heftiges Rededuell über Schuld und Unschuld Bruder Sonnliebs sowie über die Legitimität und Gültigkeit der Yerodinsepistula. Doch am Ende muss sich der Inquisitionsrat geschlagen geben und den Angeklagten aus Mangel an Beweisen vorerst für unschuldig erklären. Freudestrahlend fällt Sonnlieb nacheinander Lechdan und Lechmin in die Arme. Die Epistula jedoch, wirf Abt Tarjok streng ein, werde weiterhin in den geheimen Kammern des Klosters aufbewahrt, bis der Bote des Lichts etwas Gegenteiliges anordnen sollte. Denn vor etwa hundert Jahren übergab der Lichtbote Anselt Praiopolt II., kurz nachdem er Arras de Mott heilig gesprochen hatte, dieses Dokument der Obhut des Ordens und nur ein Heliodan könne diese Anordnung widerrufen. Auch fordert er von allen Beteiligten Stillschweigen über diese Ereignisse und die Existenz dieser Schrift. So sehr sich Lechdan über die Rettung Bruder Sonnliebs freut, so sehr zeigt er sich über die Worte des Abtes enttäuscht und verbittert.

Wenige Tage später drängen Lechdan und Sonnlieb zum raschen Aufbruch. Die Stimmung gegen sie ist noch immer von Missgunst und zum Teil sogar offener Feindseligkeit geprägt, und nicht wenige Stimmen ziehen offen in Zweifel, dass Lechdan den Küchenmeister Korbrandt lediglich aus reiner Notwehr niedergestreckt und bewusstlos geschlagen habe. Lechmin von Hartsteen wird sich noch bis zum Frühlingsbeginn in der Abtei aufhalten und danach nach Gratenfels weiterziehen, von wo aus sie nach und nach die Tempel der Nordmarken und Albernias in Augenschein nehmen will. Der Schneefall hat bald nachgelassen und mit schnellen Schritten lassen die Gefährten die Abtei hinter sich. In Angbar angelangt, versucht Lechdan Bruder Sonnlieb zu überzeugen, mit ihnen nach Gareth zu gehen, um beim Lichtboten eine offizielle kirchliche Anerkennung der Yerodinsepistula zu erwirken. Doch die letzten Wochen haben Sonnliebs Vertrauen in die Gemeinschaft des Lichts tief erschüttert. Der Stamm der Kirche, schimpft er, faule von der Wurzel an. Jahrhunderte lang wussten die Lichtboten von dem Dokument und doch schwiegen sie, allein aus dem eitlen Grund, das Ansehen der Kirche zu wahren. Nein, mit diesen Menschen, die ihre Augen so sehr an die Dunkelheit gewöhnt haben, dass sie nicht mehr die finstere Nacht der Lüge vom lichten Tag der Wahrheit unterscheiden können, wolle er nichts mehr zu tun haben, sagt er schließlich mit düsterer Miene und Bitternis in der Stimme. Während der Laienprediger bald weiter nach Greifenfurt zieht, erholen sich die Gefährten noch einige Tage in der gemütlichen und fröhlichen Stadt am Angbarer See von den Strapazen der letzten Wochen. Allein Lechdan wäre am liebsten früher weitergereist. Denn die Erinnerung an seinen blinden Zorn gegenüber Küchenmeister Korbrandt, dem er freien Lauf gelassen hatte, nagt an seinem Gewissen und wird ihn so bald auch nicht wieder loslassen. Bald schließen sich die Gefährten einer Schar von frommen Pilgern an, mit denen sie über die schneebedeckte Goldene Au gen Gareth wandern.

Am Abend eines milden Wintertages erreichen die Pilger schließlich die Kaiserstadt. Als die Gefährten die Stadt des Lichtes betreten, sind sie – abgesehen von Lechdan, der den Tempelbezirk bereits gut kennt – sichtlich bestürzt. Weite Teile der Anlage sind vernichtet, nur der an vielen Stellen noch rußgeschwärzte Tempel der Sonne ragt mit seiner geborstenen Kuppel aus Gold und rotem Glas wie ein Fanal der Unbeugsamkeit des Glaubens aus dem Wirrwarr von Brach liegenden Gebäuderesten und zertrümmerten Mauerteilen empor. Das Praiostor an der Südseite der Tempelanlage wird von zwei beeindruckenden Statuen flankiert. Die eine zeigt einen zornigen Greifen, der in seinen mächtigen Pranken einen Dämonen zerreißt, die andere einen würdevoll dreinblickenden Greifen, der mit einladender Geste den Besucher willkommen heißt. Vorbei an Sonnenlegionären, die einen jeden Neuankömmling prüfend mustern, betreten die Gefährten die Stadt des Lichts, von der ein großer Teil noch immer in Trümmern liegt. Hier und da werkeln Arbeiter auf Baugerüsten oder tragen am Boden Brocken schwarzen, metallisch schimmernden Gesteins zusammen, das von der fliegenden Festung Kholak-Kai stammt, welche die heilige Stätte vor mehr als vier Jahren unter sich begraben sollte.

Das Entsetzen mildert sich jedoch wieder zu einer andächtigen Stimmung, als sie den Tempel der Sonne selbst betreten und trotz des offenbaren Fehlens des Ewigen Lichts angesichts der traurigen Schönheit des Ortes wieder so etwas wie eine neue Zuversicht fassen. Auch wenn das Ewige Licht nicht erstrahlt, so dringt doch das Licht der Abendsonne durch die geborstene Kuppel in das Innere des monumentalen Sakralbaus und taucht die reich verzierten Skulpturen, Säulen und Altäre in ein warmes, schummriges Rot. Und es heißt, dass selbst an Regentagen kein einziger Tropfen jemals in den Innenraum der heiligen Sakrale gedrungen sei. Über den reinweißen Alabasterboden beschreiten die Gefährten den Pilgerrundgang, bis sie schließlich in das Zentrum der Halle treten, wo sich einst unter einem gewaltigen goldenen Greifen mit weit gespannten Flügeln das Ewige Licht befand. Dort ragt auch das gewaltige, zwanzig Schritt hohe marmorne Abbild des Praios empor, das den alveranischen Fürsten als zweigesichtigen Gott darstellt, der dem Tag und der Nacht je ein Antlitz zuwendet. Die Ikonographie des zweigesichtigen Praios übt auf die Gefährten noch immer eine rätselhafte und unbestimmt düstere Wirkung aus. Von dem Standbild ausgehend wandert ihr Blick schließlich weiter in die Höhe, wo sie den Gong des Heiligen Owilmar von Gareth erblicken, eine der heiligsten Reliquien der Kirche. Nachdem ein jeder für sich ein stilles Gebet gesprochen hat, erkundigt sich Lechdan nach seinem alten Freund Goswyn von Wetterau und erfährt, dass sich dieser gerade auf einer Reise nach Weiden befinde, wo er dem Bericht eines Hirtenmädchens nachgeht, dem der Heilige Quanion erschienen sein soll. Seine Rückkehr werde frühestens in einigen Wochen erwartet. Insgesamt fällt den Gefährten auf, dass die Priester und Sonnenlegionäre der Stadt des Lichts seltsam angespannt sind.

Schließlich treffen die Gefährten überraschend auf Lumin Ehrwald, der ihnen freudig mitteilt, dass der Plan Regiardon de Motts aufgegangen sei: Dank der Vermittlung des Ordensmeisters habe der Lichtbote die Veröffentlichung des Traktats gebilligt. Obwohl der Hohe Lehrmeister Tarjok Stillschweigen über die Yerodinsepistula eingefordert hatte, macht Bruder Lechdan gegenüber Lumin Ehrwald Andeutungen über die Vorkommnisse auf der Abtei am Greifenpass und erbittet die Unterstützung des Geweihten, um eine Audienz bei Hilberian Praiogriff II. zu erhalten. Lechdan hat vor, den Lichtboten mit seinem Wissen um die Yerodinsepistula zu konfrontieren und die offizielle Anerkennung dieses Dokuments durch die Kirche zu erbitten. Lumin vermag Lechdan jedoch kaum zu helfen, denn auch ihm sei eine Audienz beim Heldiodan versagt worden, und alles, was in Hinblick auf die Veröffentlichung seines Traktats erreicht worden sei, sei einzig und allein auf Betreiben Regiardon de Mott geschehen. Da man zunächst drei Secretarii von der Notwendigkeit einer Audienz überzeugen müsse, empfiehlt er, auf die baldige Rückkehr Goswyn von Wetteraus zu warten, der als Lechdans Fürsprecher auftreten könne. Zudem, setzt er flüsternd hinzu, gäbe es beunruhigende Gerüchte aus den umkämpften Gebieten im Osten. Es heißt, der Bote des Lichts und der Orden vom Bannstrahl Praios’ hätten ein Hilfegesuch von Gwidûhenna von Faldahon, der Fürst-Illuminata der Sonnenmark, erhalten. Der Rat des Lichts schweige sich dazu aus, doch raune man hinter vorgehaltener Hand, dass Beilunk die Gleißende von Feinden des Glaubens belagert wird. Da in der Stadt einer der größten Tempel der Communio Luminis stehe, befände sich die Kirchenführung in großer Sorge. Bereits vor einem halben Jahr kam es zu Kämpfen zwischen den Heeren der Sonnenmark und der Warunkei, wodurch Beilunks Heerbann sehr geschwächt wurde. Ob die Stadt in so kurzer Zeit einem zweiten Angriff standhalten könne, sei fraglich. Der Heliodan habe sich zurückgezogen und sinne wohl darüber nach, wie er diesem Angriff begegnen könne. Man munkle auch, dass sich bereits seit einigen Wochen in der Grafschaft Eslamsgrund Bannstrahler und fromme Ritter aus Almada, Garetien und den Nordmarken sammeln würden, um unter dem Befehl des frommen Grafen Siegeshart von Ehrenstein in die Sonnenmark zu ziehen.
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* Lechdan erhält einen Verführungspunkt

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 14.05.2015 11:04

CAPITULUM XXIV: MILITES LUMINIS – STREITER DES LICHTS

Gareth im Firun 1032 BF. Durch Lumin Ehrwalds Fürsprache erhalten die Gefährten uneingeschränkten Zugang zur Schriftensammlung der Stadt des Lichts. Dort finden sie schließlich Hinweise darauf, dass das Geschlecht des Astagius Graianus, der einst den bosparanischen Horas-Tempel brandschatzte, noch immer fortbesteht. Astagius selbst wurde, wie die Gefährten bereits wissen, in den Jahren nach Bosparans Fall zum Custos Lumini des Beilunker Praios-Tempels ernannt. In der Folge stiegen seine Nachfahren zu einflussreichen Bürgern der Stadt auf, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder hohe klerikale Positionen innerhalb der Praios-Kirche errangen. Schließlich wurden sie gar mit großen Ländereien, der heutigen Baronie Graî nördlich der Beilunker Berger, belehnt. Viele Angehörigen dieses alten Geschlechts wurden jedoch im Zuge der jüngsten Verheerungen der tobrischen Lande ausgelöscht. Der Leiter des Beilunker Rechtsseminars zum Greifen, von dem hervorragende Staatsmänner wie Dexter Nemrod, Hartuwal vom Großen Fluss oder Rafik von Taladur abgegangen sind, soll einer der letzten noch lebenden Mitglieder des Hauses Graî sein. Beilunk, so schließen die Gefährten, könnte also die nächste Station auf ihrer Suche nach den Vermächtnissen des Speculum ater sein.

Bruder Lechdan zieht es derweil immer wieder zur Ruine des Yerodinsturms, einem der zwölf Türme der Stadt des Lichts. Von diesen Zinnen stürzte sich einst der Bote des Lichts Yerodin, umnachtet und von inneren Dämonen geplagt, in den Tod. Lechdan steigt über das brüchige Gemäuer der Wendeltreppe bis zum höchsten begehbaren Punkt der Ruine und schaut gedankenverloren auf das Land herab. Im Osten glänzen die Kuppeln und Dächer Gareths in der schwindenden Abendsonne, im Süden jedoch erhebt sich ein dunkler Berg von Schutt und Stein wie ein riesiger Schatten: die Überreste der fliegenden Festung Kholak-Kai, die man auch den Gesplitterten Berg nennt und deren schierer Anblick noch immer Lechdan finstere Erinnerung einflößt. Auch muss er wieder an das Schicksal Yerodins denken, an den Kampf mit dem Küchenmeister des Hüterklosters und den verbitterten Gesichtsausdruck Bruder Sonnliebs, als er sich von ihm verabschiedete. Erst das friedliche Treiben der Schneeflocken reißt ihn aus seinen Gedanken. Da fasst er einen Entschluss: Ungeachtet Lumin Ehrwalds gut gemeinten Ratschlags will er sich um eine Audienz beim Boten des Lichts bemühen, um das Kirchenoberhaupt mit dem Inhalt der Yerodinsepistula zu konfrontieren, und macht sich kurzerhand auf den Weg in das Verwaltungsgebäude der Stadt des Lichts, das erst vor einigen Monden wiederaufgebaut wurde.

Doch bereits der erste Secretarius, ein verknöcherter alter Schreibtischdespot, erweist sich für sein Ansinnen als ein als kaum zu überwindendes Hindernis. Der Heliodan, gibt er schroff zur Antwort, sei derzeit nicht zu sprechen. Wichtige Aufgaben, die Wohl und Wehe der Kirche betreffen, würden seine Aufmerksamkeit gegenwärtig vollständig in Anspruch nehmen. Da sich Lechdan noch immer durch das Wort Tarjoks gebunden sieht, ist es ihm nicht möglich, über den Zweck seines Ersuchens mehr als nur ungefähre Angaben zu machen. Das wenige, was er sagt, reicht jedoch schon aus, um das Misstrauen des Secretarius zu erwecken. Kaum eine Stunde nach dem Gespräch werden zwei Sonnenlegionäre bei Bruder Lechdan vorstellig. Sie händigen ihm eine schriftliche Vorladung bei der Geheimen Inquisitionsrätin Gilbyra Steinhauer aus, der er unverzüglich Folge zu leisten habe. Lechdan kommt sich vor wie ein verurteilter Delinquent, als er zu den provisorisch eingerichteten Amtsstuben der Inquisition geführt wird. Während des Weges scheint es ihm, als würden ihn die beiden Sonnenlegionäre absichtlich an den Kerkern und Folterkammern der Inquisition vorbeiführen, um ihn einzuschüchtern. Lechdan hat die Garether Inquisitonsrätin bisher nicht persönlich kennengelernt, weiß aber, dass sie als Schützling des vor einigen Monaten spurlos verschwundenen Amando da Vanyas gilt, an dessen Seite sie einst gegen Ketzer und Dämonenbuhlen kämpfte, und dass sie trotz ihrer einfachen Herkunft einen guten Ruf besitzt. Die beiden Kirchengardisten führen ihn schließlich in eine kleinen Raum, wo ihn die Inquisitionsrätin mit höflichen Worten empfängt. Neben ihr steht eine weitere Geweihte, die anhand ihres Ornats als hohe kirchliche Würdenträgerin erkennbar ist. Mit einem bornischen Akzent begrüßt sie Lechdan und stellt sich als Illtschjana Praiadne Krasnakoff, Hüterin der heiligen Bücher und des praiosgefälligen Wissens und Wächterin des Gewölbes der versiegelten Schriften, vor.

Gilbyra Steinhauer bittet Lechdan, sich zu setzen, und kommt unumwunden zum Punkt: Sie habe von seinem Audienzgesuch beim Boten des Lichts vernommen und sei auch durch ein Schreiben des Inquisitionsrats Croenar Griffhardt von Widdernhall über die Ereignisse in dem Hüterkloster am Greifenpass informiert worden. Sie könne verstehen, dass dieses Wissen Lechdan umtreibt, gibt ihm jedoch unumwunden zu verstehen, dass eine offizielle Anerkennung der Yerodinsepistula weder im Sinne der Kirche noch des Heliodans sei. „Aber es ist im Interesse des Glaubens“, antwortet Lechdan tapfer. Denn die Liebe zur Veritas pura, der reinen und göttlichen Wahrheit, sei einer der drei Säulen des Glaubens. Und Trug und Falschheit seien dem Herrn Praios ein Gräuel. Während er diese Worte spricht, blickt Lechdan hilfesuchend zur Illtschjana Praiadne Krasnakoff. Zwar glaubt er, in ihren Augen so etwas wie Sympathie für seinen Standpunkt lesen zu können, doch schweigt sie und überlässt der Inquisitorin das Wort. „Seine erhabene Weisheit, der Bote des Lichts“, antwortet Gilbyra Steinhauer mit strenge Stimme und unbewegter Miene, „allein entscheidet, was die Wahrheit sei. Denn ihm allein hat der Götterfürst die heiligen Gaben des Geists-der-sieht und der Stimme-die-befiehlt verliehen. Zudem ist eine Epistula keine heilige Bulle und daher nicht rechtlich bindend. Schließlich haben wir großen Grund zu der Annahme, dass Yerodins Verstand am Ende seines Lebens zerrüttet war und sich womöglich Kräfte, die dem Heil der Communio Luminis entgegenstehen, auf ihn Einfluss genommen haben. Denkt nur an die letzten Stunden Jariel Praiotins XII. Seine erhabene Weisheit ist aus diesen Gründen nicht gewillt, ein Dokument anzuerkennen, das in diesen schwierigen Zeiten großes Unglück über die Kirche bringen, ja sie gar spalten könne. Ich kann Euch nur einen Rat geben: Verwechselt die göttliche Wahrheit nicht mit dem, was wir Sterbliche zuweilen dafür halten.“ Die Inquisitionsrätin macht deutlich, dass sie keine weitere Einmischung in diese Angelegenheit wünsche und appelliert an Lechdans Loyalität zur Gemeinschaft des Lichts. Niedergeschlagen und enttäuscht verlässt dieser schließlich die Amtsstube der Inquisition. Es ist ihm unbegreiflich, warum sich die Kirchenführung in Geheimnisse hüllt und sieht die Prinzipien des Götterfürsten aufs Schwerste verletzt. Nun versteht er allmählich Bruder Sonnliebs Wut auf die Amtskirche, die den Blick auf das Wesentliche verloren hat. Dunkle Gedanken bemächtigen sich seines Geistes wie schwere Wolken, die sich vor die Sonne schieben. „Die Zeiten sind finster“, wiederholt er Sonnliebs Worte nachdenklich im Geiste, „und unsere Augen haben sich zu sehr an das Dunkel gewöhnt.“*

In den nächsten Tagen verdichten sich die Nachrichten über Graf Siegeshart von Ehrenstein und seinem Heerzug zur Befreiung der von finsteren Mächten bedrohten Stadt Beilunk. Im Laufe der letzten Firunwoche erreicht der lang ersehnte Zug des Lichts die Kaiserstadt. Graf Siegeshart von Ehrenstein reitet voran. In seinem Panzerhandschuh ruht die Lanze seines Ahns, des Herzogs Yerodin von Ehrenstein, der mit ihr einst den finsteren Schwarzmagier Nariel von Nebachot aus Ysilia vertrieb. Um ihre Spitze windet sich eine Quanione, die golden im Sonnenlicht glänzt. Nur kaum einen halben Schritt hinter ihm sind Graf Hagrobald vom Großen Fluss, die Inquisitionsrätin Solaria Praiosstolz und Goldwart von Hohenlauchenfurt, der Bannerherr des Ordens vom Bannstrahl, zu sehen. Hinter ihnen reiten weit über hundert Bannstrahler, Laienritter vom Orden des Donners und gepanzerte Ritter aus Garetien, Almada und den Nordmarken, die sich als Zeichen ihrer Pilgerschaft den Mantel des Bannstrahl-Ordens übergeworfen haben – gefolgt von Scharen von Waffenknechten, frommen Pilgern, Handwerkern, Marketendern und weiteren Menschen aus dem einfachen Volk. Nebenher schreiten Geweihte des Praios, die schmuckvolle Thuribula schwingen, von denen dichte Weihrauchschwaden aufsteigen. Unter all den Bannern und Fahnen ragt das Ordenszeichen der Bannstrahler deutlich hervor: das reinweiße Schild eingefasst in einen Rahmen aus lauterem Gold. Hunderte jubelnder Schaulustige säumen ihren Weg über die Reichsstraße bis hin zur Stadt des Lichts.

Der Gong des Heiligen Owilmar erklingt hell und klar und ruft die Streiter des Lichts in den Tempel. Die beiden Grafen steigen ab und betreten den heiligen Tempelbezirk als einfache Pilger. Ihre Gefolgsleute tun es ihnen gleich und folgen ihnen schweigend, mit gesenkten Köpfen und gefalteten Händen. So strömen nach und nach Massen von Rittern, Bannstrahlern und Waffenknechten in die große Rundhalle des Tempels der Sonne und versammeln sich in einem weitem Kreis um den Hochaltar vor dem Standbild des zweigesichtigen Praios. Angelockt durch den Volksauflauf, betreten auch Ghiberto, Lechdan und Boldrino die Sakrale und mischen sich unter die Anwesenden. Die silbernen Rüstungen der beiden Grafen lodern im warmen Licht des Kerzenmeeres. In der Linken halten sie ihre Helme mit prunkvoller Zier, mit der Rechten präsentieren sie ihre Schwerter, auf die sie sich andächtig stützen, während sie vor der hoch erhobenen Gestalt des Boten des Lichts niederknien. „Preiset Praios, den Herrn des Lichts, den Gerechten und Gnadenvollen!“ ruft da der Heliodan und weitet seine Arme zum Segen aus. Der siebzig Lebensjahre zählende Hilberian Praiogriff II. lässt seinen Blick würdevoll über die Menge schweifen. In ein kostbar brokatbesticktes Messgewand aus Weiß und Gold gehüllt, an dessen Gürtel sechs Sphärenkugeln baumeln, hält er in seiner rechten Hand das Sonnenszepter seiner Weihe. Auf seinem Haupt lastet schwer die Tiara, die heilige Krone der Lichtboten. Abermals erklingt der Owilmarsgong, dessen metallischer Hall die Herzen der Frommen erbeben lässt, und ein Novizenchor stimmt den Cantus Daradoriensis an.** Ihre Stimmen sind hell und rein. Der Gesang steigt auf und ab wie der Wellengang eines unendlichen Meeres, wallt und strömt in gleichmäßigen Wogen durch den weiten Raum, flößt den Gemütern der Anwesenden ein Gefühl von Harmonie und Vollkommenheit ein, das sich anfühlt, als würden ihre Seelen von Wellen reinen Lichtes durchflutet werden.

Als der Choral wieder verstummt, ergreift der Heliodan das Wort: „In schwerer Stunde, da die Feinde des Lichts ihr gottloses Haupt erhoben haben und mit der Schärfe des Schwertes die gesegnete Stadt Sankt Quanions, des Lichtbringers, bedrohen, da sandte er uns diese Streiter des Lichts. Verderbte Seelen, in deren dunkle Herzen sich die Niedertracht der Menschen in das Hohnlachen der Niederhöllen mischt, schleichen wie Wölfe um den heiligen Altar der Gleißenden, an dem der Höchste vor elf Jahren seine Wunder offenbarte. Doch der, der in frommer Gesinnung eine Wallfahrt antritt, um sich den Schergen der Finsternis entgegenzustellen, der den Glanz des Praios mehrt mit dem gleißenden Stahl seines Schwertes und die Feinde der ewigen Ordnung davonjagt wie die räudigen Hunde, die sie sind, der Beilunk betritt als demütiger Pilger und als Befreier im Zeichen Ucuris, des Boten des Sieges, dem seien alle seine Sünden erlassen und ein Platz in Praios’ lichten Heerscharen gewiss. Und dies ist der höchste Lohn für uns Sterbliche, glänzender als das lauterste Gold und heller strahlend als jeder Ruhm auf Deren. Denn wie sprach einst der gleißende Urischar zu Herbald von Lowangen, der einst ein einfacher Pilgersmann wie ihr war und als solcher durch Praios’ lichte Gnade zum Heiligen Arras de Mott erkoren wurde: ‚So du aber ein gottesfürchtig Leben geführt hast und warst immer rein im Geiste und im Herzen und hast dich der Sünd erhalten und die Gesetz geachtet und allweil der Obrigkeit gehorchet, so mag Praios’ Aug mit Wohlgefallen ruhen auf dir, auf dass Er dich einlasset in Sein Paradies. Oh, wie wird dein Seel frohlocken und jubilieren, so ihr dieses widerfahret. Denn Praios’ Paradies ist das Prächtigste von allen. Ein Glanz ist da wie von tausend Sonnen, weshalb es auch geheißen wird die Hall’ des Lichtes. Aber das göttlich Licht, es brennet nicht und blendet nicht – nein, die reine göttlich Freude ist’s. Und auch dein Seel wird ein Licht werden und strahlen als ein Sonnen und schweben und weben um das alleinzig Licht, um dessen Glanz zu mehren. Und das ist ihr die lautere Glückseligkeit. Und, oh, das Haus, worin Er wohnet! Keins Menschen Geist kann das erfassen, keins Menschen Zung kann das beschreiben! Ein Maß und Ordnung ist da, wie kein irdischer Baumeister sie ersinnen und aufbauen kann. Alles ist so recht gefüget, ein jedes Ding an seinem Orte, die Winkel so genau bemessen, Bögen und Kuppeln vollendet ohnegleichen, wies nur der Fürst der Götter kann ausdenken und errichten. Und die reinen Seelen, die dorten schweben im ewigen Lichte, ergötzen sich an der Ordnung und dem Ebenmaß, dass sie Praios lobpreisen bis ans Ende aller Tage.’*** Ihr Männer des Krieges! Tapfere Ritter, fromme Pilger, arme Sünder. Seid das Licht, das die Welt erhellt! Seid der gleißende Bannstrahl, den Praios den Fürsten der Finsternis entgegenwirft. Seid das Schild, das die Bedrohten und die Schwachen schützt. Seid die Lanze, die den faulen Leib des Dämonenknechts durchbohrt, seid das Schwert, das die Söhne des Unglaubens zersprengt und das stolz in der Herrlichkeit der Sonne glänzt. Umgebt euren Leib mit eiserner Brünne, den Feinden zur Wehr, eure Seele aber mit dem Panzer des Glaubens, und ihr werdet, zweifach geschützt, weder Frevler noch Dämonen fürchten. Nicht einmal vor dem Tode muss euch bange sein, denn der Tod sei euch eine Pforte in eine Welt voll Licht und der Name dieser Pforte sei Melliador, das Tor der Himmelsfeste Alveran. Schreitet also sicher voran, ihr Ritter und Pilger, und vertreibt unerschrocken die Feinde der Götter, denn euch sei die Gewissheit, dass weder Tod noch Leben eure Seelen von der Gnade und der Glorie des höchsten Gottes zu trennen vermögen.“

Kaum hat der Bote des Lichts geendet, da brandet Jubel auf. Während Siegeshart von Ehrenstein sein Haupt andächtig senkt, reckt Hagrobald seine Faust in die Höhe und ruft: „Praios will es!“ „Praios will es!“ erschallt aus allen Kehlen. Immer wieder stoßen die Anwesenden, vom Ritter bis hin zum Bannstrahler und einfachen Waffknecht den Ruf aus, bis schließlich Hilberian Praiogriff II. seine Arme in die Höhe streckt und sich Ruhe erbittet: „So ihr gewillt seid, die heilige Stadt Beilunk vor dem gähnenden Schlund der Finsternis zu erretten, so machet eure Herzen frei und leget ab das Gelübde der heiligen Pilgerschaft!“ Daraufhin geht ein Novize mit einem reich mit Edelsteinen verzierten goldenen Kelch durch die Reihen und lässt von jedem, der gewillt ist, den Eid für die bewaffnete Wallfahrt nach Beilunk zu schwören, ein paar Tropfen seines Blutes in den Kelch fließen. Auch Ghiberto, Lechdan und Boldrino, ergriffen und mitgerissen von dem heiligen Ernst dieser Versammlung, leisten das heilige Gelübde. Lange dauert es, bis der Kelch mit dem aufgesammelten Blut wieder zum Boten des Lichts zurückkehrt. Dieser ergreift das Gefäß und hebt es in die Höhe: „Heiliger Herr Praios“, spricht er hierbei, „blicke hernieder und segne diesen Schwur. Seine Worte, ihr Sinn und ihre Bedeutung sollen heilig sein. Er wird aus freien Stücken geschworen, ohne Dunkelsinn oder Tücke im Geist, und dir als Hüter anempfohlen. Wer jedoch diesen Schwur tut, um seine Bedeutung zu verzerren, wer den anderen gegen seinen Willen zwingt oder wer den heiligen Eid schließlich bricht, den möge deine göttliche Strafe ereilen!“

Auf die Worte des Lichtboten hin erhebt Siegeshart von Ehrenstein die Hand zum Schwur und spricht das Pilgergelübde, woraufhin ein jeder den Eid murmelnd wiederholt. Wie eine lange, getragene Welle geht das Raunen durch die heilige Halle. Auf einen Wink des Eslamgrunder Grafen hin tragen schließlich zwei Geweihte die Lanze Herzog Yerodins hinein und treten damit vor den Altar des Lichtboten. „Eure erhabene Weisheit“, spricht da Siegeshart von Ehrenstein, „laut jubelt mein Herz im Dienste unseres Herrn, des Fürsten des Lichts. Nichts anderes will ich sein als ein Werkzeug in Seiner Hand, eine Waffe in Seinem Kampf gegen die Finsternis, ein Wanderer auf Seinen leuchtenden Pfaden. Ein Wunder ist geschehen, denn Seine hellen Zeichen sandten mich hierher, hier in die Mitte unserer heiligen Kirche, der Gemeinschaft des Lichts. Seht die Lanze meines Ahnen, des Herzogs von Tobrien und erstgeborenen Nachkommen des heiligen Jarlak von Ehrenstein – von ihm geführt gegen finstere Hexerei, die vor vierhundert Jahren schon einmal die tobrischen Lande verheerte, als die Kriege der Magier wüteten. Seht die Blume mit dem golden glimmenden Kelche, die sich um ihre Spitze windet! Es ist eine Quanione, das heilige Zeichen unseres gnadenvollen Herrn Praios, mit dem er uns in fremde Lande schickt, um sein Werk zu tun und seinen Ruhm zu mehren. Keine Erde und kein Wasser nährte jemals diese Pflanze. Einzig genährt durch das Fiat des himmlischen Richters, erwuchs sie am Holz und am Eisen dieser wundersamen, von Ihm erwählten Lanze, mit der Er mich auf diese Reise schickte. Ich bitt' Euch, Eure erhabene Weisheit, segnet diese Waffe, denn meine Seele ist bereits gesegnet, da Praios’ Blick auf mir und meiner Pilgerschaft ruht.“ Da schreitet der Heliodan zur Lanze der tobrischen Herzöge, legt seine Hände auf das alte Holz und spricht den liturgischen Weihesegen. Dann treten mehrere Dutzend Priester vor und segnen nacheinander die Schwerter der Anwesenden, auf dass die Ketzer vor ihnen fliehen und Dämonen durch ihren Stahl zergehen.

Am nächsten Morgen ziehen die Gefährten gemeinsam mit der bis an die Zähne bewaffneten Pilgerschar in einer langen Prozession von der Stadt des Lichts zum Tempel des himmlischen Falken am Platz der Zwölfgötter. Da der Bau die schiere Menge der Pilger niemals aufnehmen könnte, tritt der Ucuriat Ludofried von Rallersfort vor den Tempel, hält eine kurze Andacht und spricht über die Streiter des Lichts den Segen Ucuris, des Boten des Sieges. Über die Kaiser-Reto-Allee ziehen die Wallfahrer zum Greifenplatz, wo sie sich zu einem Gottesdienst in der Priesterkaiser-Noralec-Sakrale einfinden. In ihrer Predigt mahnt die Lichthüterin Guldana von Streitzig die Pilger dazu an, auch im Angesicht von Tod und Gefahr die Gebote der guten Götter zu achten. Den Kampf gegen die Schrecken der schwarzen Lande sollten sie tapfer führen, doch dieser heilige Krieg solle ihnen auch ein Gleichnis sein für den Kampf gegen die Abgründe der eigenen Seele. So wie sie ihre Schwerter gegen die Feinde des Glaubens führen werden, um die heilige Stadt Beilunk vor ihren Lästereien zu schützen, so sollten sie auch das Schwert ihres Glaubens gegen die Laster und die Sünden in ihrem Inneren erheben, um das Heiligtum ihrer Seele von allen Finsternissen zu reinigen. Nach dem Gottesdienst erschallen die Rufe „Praios will es!“, „Beilunk!“, „Sankt Quanion!“ und vereinzelt auch „Sumyrdalun!“ aus mehr als zweihundert Kehlen. So setzt sich der Zug des Lichts langsam wieder in Bewegung und strebt schließlich dem Rommilyser Tor entgegen, das die Stadtgarde an diesem Tag feierlich mit dem Banner des Bannstrahler-Ordens geschmückt hat. Über die Reichsstraße führt der Weg durch den heruntergekommenen Vorort Meilersgrund, den das Heer eilig hinter sich lässt und, vorbei an Feld und Acker, schließlich in die hügeligen Hartsteener Lande vordringt.

In der Reichsstadt Hartsteen wird der bewaffnete Pilgerzug vom jungen Reichsritter und Ratsmeister Jarlak von Binseneck willkommen geheißen. Während die Heerführer des Zugs des Lichts innerhalb der Stadtmauern untergebracht werden, lagert der Großteil des Heeres trotz der noch immer anhaltenden Kälte in Zelten vor der Stadt. Im Gespräch mit einigen Rittern aus der Grafschaft Eslamsgrund erfahren die Gefährten, dass Graf Siegeshart erhebliche Mittel aufgewendet hat, um diesen Schwertzug finanzieren zu können. Es heißt gar, dass nun die Grafenkrone in Wahrheit kurz vor dem Ruin stehe. Ein am Gespräch teilnehmender Nordmärker zieht gar einen Vergleich zu Baldur Greifax, dem wahnsinnigen ehemaligen Grafen von Gratenfels, der seinerzeit ebenfalls seine Grafschaft finanziell ruiniert hatte, um eine Bedrohung aus dem Osten abzuwehren. Baldur mag dem Wahnsinn anheimgefallen sein, wirft ein anderer ein, doch habe sich seine Prophezeiung letztlich als wahr erwiesen. Denn er fürchtete eine Bedrohung aus dem Osten und eben diese sei ja schließlich bekanntlich eingetroffen: in Gestalt des finsteren Dämonenmeisters, der mit Krieg und finsterer Hexerei ein gutes Drittel des Kaiserreichs unterworfen hatte.

Am 29. Firun erreicht der Zug des Lichts die Feste Hohenstein, die, nachdem sie lange Zeit dem rebellischen Burgrafen Ucurian von Rabenmund unterstand, nun fest in der Hand der Traviamark ist. Vom Hohenstein zieht der Zug des Lichts den Darpat entlang durch die Mark Perricum. Vorbei an den sumpfigen Flussauen des Darpat wird das Klima merklich wärmer, aber auch deutlich nasser als noch in den von Schnee und Raureif bedeckten Landschaften Garetiens. Während der Reise fällt es den Gefährten nicht leicht, mit den anderen Streitern des Zugs des Lichts ins Gespräch zu kommen. Gerade Ghiberto und Boldrino werden durch ihr Aussehen und ihre Mundart schnell als Horasier eingeordnet und mit misstrauischen Blicken bedacht. Insgesamt zerfällt der Zug des Lichtes in unterschiedlich große Gruppen: Die Nordmärker halten sich von den Almadanern fern, die Garetier von den Nordmärkern, und auch die Bannstrahler bleiben lieber unter sich. Eines Abends streifen die Gefährten durch das Heerlager, als Lechdan in einer Gruppe von Sonnenlegionären, die sich um ein Lagerfeuer geschart haben, zwei bekannte Gesichter entdeckt. Es handelt sich um die beiden Sonnenlegionäre, die ihn in Gareth zu der Unterredung mit der Inquisitionsrätin Gilbyra Steinhauer abgeholt hatten. Auch sie erkennen Lechdan wieder und laden ihn und seine Gefährten ein, sich zu ihnen ans Feuer zu setzen. Die beiden stellen sich als Vitus Herfurter und Rovena Greifenpranke vor. Erschienen sie Lechdan noch in Gareth recht harsch im Umgang mit ihm und sehr auf die Ausübung ihrer Pflicht fokussiert, zeigen sie sich nun entspannt und sichtlich um Freundlichkeit bemüht. Vitus und Rovena haben sich genauso wie die Gefährten spontan entschlossen, am Zug des Lichts teilzunehmen, und brennen vor Eifer, die Stadt Beilunk zu sehen und ihre heiligen Stätten gegen die Feinde des Glaubens zu verteidigen. An einer Kette um ihren Hals trägt Rovena eine Greifenfeder. Neugierig spricht sie Boldrino darauf an und erfährt von ihr, dass sie von dem hohen Greifen Vingoran stammt, der einst die Schwarze Sichel vor den Schrecken der verlorenen Lande im Osten schützte. Als sie ihm vor nunmehr fast fünf Jahren begegnete, war sie eine einfache Söldnerin von niederer Herkunft, ohne viel Sinn und Verstand für die himmlischen Dinge, und befand sich mit ihren damaligen Gefährten auf der Suche nach einem Ort namens Keranvor. Die Begegnung mit dem Greifen veränderte ihr Leben, füllte ihr Herz mit Praios’ gnadenvollen Licht und führte sie schließlich in die Reihen der Sonnenlegion, in der sie seither dient. „Was ist Keranvor?“ wirft Ghiberto ein. Da wird Rovena schlagartig still. Ihr Blick schweift in die Ferne. „Ein dunkler Ort“, sagt sie mit einem ausdruckslosen Ton in ihrer Stimme und schweigt für einen langen Augenblick. „Dies muss Euch genügen. Mehr kann, mehr will ich nicht sagen.“

Im weiteren Verlauf der Reise erreicht der bewaffnete Pilgerzug schließlich den geschichtsträchtigen Darpatbogen, wo im Jahre 872 vor Bosparans Fall die Legionen des Heiligen Leomar das zahlenmäßig überlegene Aufgebot der Nebachoten in einer großen Feldschlacht bezwangen. Östlich des Darpatbogens ändert sich merklich die kulturelle Prägung der Landbevölkerung. Mittelländische Fachwerkhäuser sind immer weniger zu sehen, stattdessen dominieren zunehmend hell getünchte Häuser mit flachen Dächern. Auch die Haartöne der Menschen werden dunkler, ihre Mundart härter, aber auch melodischer. Am Abend des 6. Tsa erreicht der Zug des Lichts schließlich die Stadt Perricum. In Abwesenheit des Markgrafen, der derweil am Hofe Kaiserin Rohajas weilt, wird der Zug der Sonne durch die Altgräfin Rimiona Paligan und einer Delegation des Magistrats willkommen geheißen. Während Siegeshart von Ehrenstein und die Inquisitionsrätin Soleria Praiosstolz zu einer Besprechung in die Löwenburg geladen wird, die bis in die frühen Morgenstunden geht, kommt es bei der Unterbringung des Heeres zu ersten Konflikten. Denn die Ordensburg der Ardariten weigert sich, ihre Tore für die Bannstrahler zu öffnen, waren doch die Bannstrahler – gemeinsam mit der Sonnenlegion – maßgeblich am Erntefestmassaker beteiligt, in dem vor siebenhundert Jahren die Schutzheilige des Ordens dahingemetzelt wurde, und halten den Namen des berüchtigten Sonnenmarschalls Praioslob von Selems noch immer in großen Ehren. In einer großen Geste der Versöhnung entscheidet schließlich Ayla von Schattengrund, den Bannstrahlern das weiträumige Vorwerk der Löwenburg zur Verfügung zu stellen. Anderenorts kommt es zu Streitigkeiten zwischen den Gefolgsleuten des Grafen Siegeshart und einer größeren Gruppe unter den Nordmärkern. Letztere geben nicht viel auf die Mahnungen der Praios-Geweihten, nicht nur in den Krieg zu ziehen, sondern den Heerzug gleichsam als Pilgergang zu verstehen, als Gelegenheit, sich durch Buße, Entbehrung und fromme Lebensführung vor Praios auszuzeichnen und dabei die eigene Seele zu läutern. Kaum haben sie nach dem langen und ereignislosen Marsch die Tore Perricums erreicht, strömen sie schon in die Schenken und Hurenhäuser der Stadt. Lautes Gelächter und ungehobelte Rufe erfüllen die Nacht und nur vereinzelt können die Frommeren unter den Pilgern ihre Brüder und Schwestern zu Einsicht und Umkehr bewegen.

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* Durch seine zunehmende Verbitterung über die Politik der Amtskirche steigen Lechdans Verführungspunkte um 2 auf insgesamt 5 Punkte.
** Für die Musikuntermalung habe ich dieses Stück genommen.
*** Zitat aus dem Aventurischen Boten #34.

Gueldenlaender
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Re: Spielbericht Quanionsqueste (Spoiler!)

Beitrag von Gueldenlaender » 07.06.2015 11:19

CAPITULUM XXV: IN UMBRA FULGIDAE – IM SCHATTEN DER GLEISSENDEN

Perricum im Tsa 1032 BF. Zwei Tage nach der Ankunft des Zugs des Lichts in der altehrwürdigen Grafenstadt am Darpatmund lässt Graf Siegeshardt von Ehrenstein zum Aufbruch blasen. Während die Nordmärker unter ihrem Anführer Hagrobald vom Großen Fluss mit dem Großteil der für die Versorgung Beilunks bestimmten Güter in der Hafenstadt verbleiben, um von dort aus mit Schiffen Beilunk über See zu entsetzen, macht sich das Hauptheer des Zugs des Lichtes auf den beschwerlichen Weg über den Arvepass in die Schwarzen Lande. Siegeshardt von Ehrenstein hat einerseits vor, die Gebiete westlich von Beilunk zu befrieden und andererseits den Belagerungsring um Beilunk durch einen geballten Angriff von Außen zu zersprengen. Um so früh wie möglich Beilunk zu erreichen, beschließen die Gefährten, sich der kleinen Versorgungsflotte anzuschließen. Einen Tag nach dem Auszug des Zugs des Lichtes aus Perricum gehen sie gemeinsam mit den Nordmärkern an Bord der kleinen, aus einer Karavelle und zwei Koggen bestehenden Flotte. Die Schiffe hat das Perricumer Handelshaus Marix bereitgestellt, das in den letzten Jahren mit Versorgungsfahrten nach Beilunk üppige Gewinne erzielen konnte. Auf ihnen werden neben Soldaten große Mengen Versorgungsgüter transportiert, welche die drohende Hungersnot in der belagerten Stadt abwenden sollen. Die Gefährten werden der Karavelle Schwarze Svelinya zugeteilt, die von dem jungen Kapitän Var Marix kommandiert wird. Dieser genießt den Ruf eines verwegenen Haudegens, der auf seinen Fahrten in der Blutigen See schon durch so manche Blockade der Fürstkomturei geschlüpft ist und auch sonst kein Risiko scheut, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Die Fahne des Handelshauses Marix, die schwarze Sphinx auf grauem Grund, flattert hoch im Wind, als schließlich die Segel gehisst werden und die kleine Flotte Perricum allmählich hinter sich lässt.

Als die Schiffe am nächsten Morgen die Meerenge zwischen dem Festland und den Efferdstränen passieren, werden am Horizont fremde Segel gesichtet. Bald stellt sich heraus, dass es sich um zwei Zedrakken unter dem Banner der gekreuzten Schwerter Helme Haffax’ handelt. Var Marix vermutet, dass die beiden feindlichen Schiffen zur Abriegelung des Hafens von Beilunk eingesetzt werden, und versetzt seine Flotte in Gefechtsbereitschaft. Auch die nordmärkischen Soldaten und Ritter greifen nach Helmen, Schildern und Waffen und versammeln sich auf Deck. Aus sicherer Entfernung lässt Marix einen Warnschuss los, der zehn Schritt vor den Zedrakken ins Meer trifft. Doch anstatt die Herausforderung anzunehmen, drehen die beiden Schiffe überraschend ab und geben den Weg nach Beilunk frei. Die Gefährten sind sprachlos, genauso wie die Kämpfer und Seeleute, und fragen sich, warum der Feind die Versorgungsflotte kampflos nach Beilunk lässt und dadurch den ganzen Sinn der Belagerung untergräbt. „Ein Wunder“, flüstert da einer unter den einfachen Soldaten, kniet nieder und schlägt, den Blick zur Sonne gerichtet, das Zeichen Praios’. „Bei Sankt Quanion! Praios wacht über uns!“ ruft da Hagrobald und reißt, begleitet von den Jubelrufen seiner Landsleute, sein blank gezogenes Schwert in die Höhe. Und schnell macht sich unter den versammelten Kämpfern die Ansicht breit, dass diese glückliche Fügung ein sicheres Zeichen dafür sei, dass Praios tatsächlich seine schützende Hand über den Zug des Lichts halte und ihre Wallfahrt wahrlich gesegnet sei.

Einige Stunden später kommt schließlich das ersehnte Ziel in Sicht. Noch bevor die Gefährten mit ihren Augen die Mauern und Türme der Stadt ausmachen können, wird ihnen ein leuchtendes Aufblitzen gewahr, das von der berühmten güldenen Kuppel der Sakrale des Lichts herrührt, die hell im Glanz der hoch am Himmel stehenden Praiosscheibe funkelt und den Anwesenden beinahe wie eine derische Entsprechung dieses göttlichen Himmelskörpers erscheinen muss. Die Streiter des Zugs des Lichtes eilen zur Reling und stimmen begeistert das Loblied des Herrn Praios an. Bald wird das Plateau der Beilunker Oberstadt mit seinen Ehrfurcht gebietenden Festungsmauern und seien charakteristischen kegelförmigen Türmen erkennbar, an das sich das tiefer gelegene Hafenviertel anschmiegt. Im Gegensatz zu den Kuppeln und Türmen der Oberstadt macht der Hafen keinen sehr erhebenden Eindruck. Alte Schiffe und morsche Wracks modern im Hafenbecken vor sich hin, Wachtürme sind eingestürzt und das Gewirr der zahllosen, eng aneinander gebauten Lehm- und Holzbauten deutet auf die Armut der hier lebenden Menschen hin. Weiter entfernt steigen an einigen Stellen über der Stadt unheilverkündende Rauchschwaden auf.

Während die Schiffe anlegen, versammelt sich eine große Menge von Schaulustigen an der Kaimauer, um zuzuschauen, wie die Kämpfer an Land gehen und die Waren aus den Schiffen verladen werden. Aufgrund der gierigen Blicken der vielen ausgemergelten Gestalten erkennt Lechdan, dass die Hoffnungen der Armen weniger auf den von Deck schreitenden Kämpfern als vielmehr auf den mitgebrachten Lebensmittellieferungen zu ruhen scheinen. Schnellen Schrittes erscheinen Soldaten in grünen, von goldenen Bedonblüten übersäten Wappenröcken und treiben die Schaulustigen vom Kai und den Versorgungsgütern weg. Die Anführerin der Gardisten fällt den Gefährten sofort ins Auge. Es handelt sich um eine auffällig hochgewachsene und muskulöse, mit ihrer Statur jede Thorwalerin in den Schatten stellende Unteroffizierin mit kurzen blonden Haaren, die mit lauter Stimme knappe Befehle erteilt. „Seht zu, dass niemand seine schmutzigen Pfoten an die Waren legt. Ich will, dass sie so schnell wie möglich in die Oberstadt gebracht werden!“ bellt sie Gardisten und Hafenarbeiter gleichermaßen an. Nervös schaut sie umher und ruft: „Das geht mir viel zu langsam!“ Schließlich sucht sie sich als Sündenbock für ihren Ärger einen kahlrasierten Hafenarbeiter mit schwarzem Schnauzbart heraus, den sie wütend einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst, woraufhin eine Kiste krachend zu Boden fällt. „Von den Göttern verlassenes Norbardenpack!“ ruft sie mit schallender Stimme. „Zu faul zu ehrlicher Arbeit! Geh lieber zurück in den kalten Norden, du verfluchter Heide!“ Schnell rafft sich der Arbeiter wieder auf, ergreift stumm die am Boden liegende Kiste und beeilt sich, dem Zorn der Gardistin zu enteilen.

Nachdem nun auch Hagrobald vom Großen Fluss – angetan in einem Wappenrock des Bannstrahlerordens, dessen Prinzipien er sich für die Dauer des Zugs des Lichtes verpflichtet hat – den Hafen betreten hat, erscheint bald der Befehlshaber der Seegarde, die in der Unterstadt und am Hafengelände für Ruhe und Ordnung sorgt. Baron Mirshan von Streitzig zu Hohenlauchenwart macht den Eindruck eines kampferfahrenen Kommandanten, der mit ritterlichen Worten und tadellosem Benehmen den nordmärkischen Grafen willkommen heißt und ihm im Namen Praios’ und den Bürgern der Stadt Beilunk für sein Kommen dankt. Während die Seegarde weiterhin die Verladung der Versorgungsgüter überwacht, begleitet der Baron die Wallfahrer bis zum Tor der Oberstadt, wo sie von einer Abteilung der Sonnenlegion unter dem Befehl des Sonnenobristen Ucurian Bernigandh empfangen und in die Oberstadt geführt werden. Die gut befestigte Oberstadt erweist sich als völliger Gegensatz der heruntergekommenen Unterstadt. Weich getünchte Fassen, rote Ziegeldächer und bunt bemalte Türen machen einen rundherum freundlichen Eindruck, und am anderen Ende des Bunten Marktes, dessen Name von einem farbenprächtigen Bodenmosaik herrührt, erstrahlt die majestätische Sakrale des Lichts mit ihrer schneeweißem Marmorfassade und ihrer hellgoldenen, von zwölf Säulen mit Falkenkapitellen gestützten Kuppel. Die Gefährten befinden sich in Hörweite des Sonnenobristen und kriegen mit, wie dieser zum Grafen sagt, dass die Fürst-Illuminierte Gwidûhenna von Faldahon vor zwei Tagen bei den Kämpfen auf den Mauern verletzt wurde und ihn zu einer Besprechung in der Markgräflichen Residenz erwarte. Doch eingenommen von der Pracht des Tempels, antwortet Hagrobald, dass er in erster Linie als Pilger nach Beilunk gekommen sei und zunächst erst einmal dem Götterfürsten für die sichere Überfahrt danken wolle. Zu einer Unterredung mit der Herrin von Beilunk sei später immer noch Zeit. Und so folgt ihm die andächtige Pilgerschar durch die weitgeöffneten Tore der Praiossakrale.

Im Inneren des gewaltigen Tempelbaus schreiten die Gefährten gemeinsam mit den anderen den Pilgerrundgang ab, dessen einzelne Stationen durch steinerne Statuen der Heiligen der Communio Luminis beschrieben werden. Gerade bei dem Standbild des Heiligen Quanion von Beilunk halten sie inne, sprechen ein stilles Gebet und schwören sich, die Stadt nicht ihren Feinden anheimfallen zu lassen. Auch vor der drei Schritt hohen Statue des Götterfürsten im Zentrum des Kuppelsaales verharren sie inniglich und schauen mit verklärten Blicken auf das Licht, das der prachtvollen, mit Bernstein und Diamanten besetzten Lichtsschale entströmt, die das marmorne Abbild in seinen ausgestreckten Armen präsentiert und aus der hell und klar das heilige Licht des göttlichen Funkens strömt, das in den unzähligen Spiegeln aus Gold und Messing, die das gesamte Innere der Tempelhalle ausschmücken, reflektiert wird. Die Gefährten beschleicht das sonderbare Gefühl, dass das heilige Licht hier in Beilunk unmittelbarer und reiner ist als noch im Tempel der Sonne zu Gareth und stärker in ihre Herzen dringt.* Von besonderer Bedeutung für die Pilger ist schließlich ein reich mit Bernstein verzierter Reliquienschrein, durch dessen kleine gläserne Fenster die Gefährten ein gelblich-bräunliches Stoffstück erkennen können, in das ebenmäßig geformte Blütenmuster eingenäht sind. „Das Reisegewand Sankt Quanions, eine der wenigen verbleibenden Reliquien des Heiligen“, klärt sie ein junger Novize auf, der neben dem Schrein steht. „Lange Zeit dachte man, dass es sich bei dem brokatenen Blütenmuster um Darstellungen von Bedonblüten handelt, doch heute wissen wir mit Gewissheit, dass es Quanionen sind.“

Während Hagrobald vom Großen Fluss mit einigen Getreuen schließlich zum Alten Grafenpalast aufbricht, um mit der Fürst-Illuminata die Lage der belagerten Stadt zu besprechen, laden die Priester des Tempels die versammelten Wallfahrer zu einem Pilgergottesdienst ein. Die Predigt hält der Prätor der Praios-Sakrale Prajan Bedofeld, der die Pilger im Namen Praios’ für ihr Kommen dankt und ihnen – ähnlich wie schon der Bote des Lichts vor einigen Wochen – die Gewissheit der Läuterung ihrer Seelen durch den Kampf gegen die Finsternis vor Augen führt. Daraufhin beschwört er die Gnade des Götterfürsten herauf und ruft den Anwesenden in Erinnerung, wie Praios schon einmal – während der Belagerung Beilunks im Jahre 1020 nach Bosparans Fall – seine schützende Hand über die Stadt hielt. „Zwölf Jahre ist dies nun her!“ spricht der Geweihte mit dröhnender Stimme.** „Damals, als die Gleißende von den unheiligen Heerscharen des hundertfach verfluchten Dämonenmeisters bedrängt wurde. Wie heute kamen sie mit Mord und Brand, belagerten über mehrere Monde lang die Stadt, brachten Hunger, Angst und Aufruhr über uns. Unheilige Kreaturen flogen des Nachts durch die Stadt, der Gesang von grässlichen Litaneien von Jenseits der Mauern raubte uns den Schlaf und angesichts der bald um sich greifenden täglichen Not machten sich Furcht und Verzweiflung in unseren Herzen breit. Nie war das Bedürfnis nach göttlicher Hilfe größer, nie habe ich so viele Gläubige inbrünstig betend und flehend unter der goldenen Kuppel unseres Herrn versammelt gesehen. Es schien, als wollten die Belagerer die Stadt aushungern, und als die letzten Tage des scheidenden Götterlaufes dräuten, da blickten wir bang der Zukunft entgegen. Kaum waren nun die letzten Sonnenstrahlen des alten Jahres hinter den schroffen Gipfeln der Trollzacken verschwunden, senkte sich eine unheilige Düsternis über das Land. Während dieser finsteren Stunden war in den Lagern des Feindes beunruhigende Betriebsamkeit zu bemerken. Riesige Feuer wurden entfacht, schritthoch züngelten sie gierig empor in den pechschwarzen Himmel. Der schneidend kalte Wind trug dicke Rauch- und Nebelschwaden, erstickende Gerüche und Fetzen schauriger Gesänge zu uns herüber, die auch dem Tapfersten die Knie schlottern ließen. Nur allzu bald wurde uns bewusst, was dies zu bedeuten hatte: Die Feinde des Glaubens rüsteten zum Sturm auf unsere gesegnete Stadt. Nun, einen Götterlauf nach dem Untergang der Erwählten Rondras, sollte auch des Götterfürsten letztes Bollwerk in den östlichen Landen fallen. Das Morgengrauen enthüllte die Banner von hunderten waffenstarren Kämpfern, die bereit standen zum Sturm auf Beilunk. Belagerungstürme und Geschütze erhoben sich drohend – und kaum hatte Praios’ segensreiche Sonnenscheibe, verborgen hinter schwarzgrauen Nebelschleiern, ihren Weg über den düsteren Himmel begonnen, da regneten die feurigen Schrecken der gegnerischen Kriegsmaschinerie bereits auf uns herab. Doch als bereits die ersten Teile unserer stolzen Mauern begannen, einzusinken und zu bröckeln, da blickten wir alle Himmel zum empor.“

Der Geweihte schlägt das Zeichen des Sonnenrads und fährt fort: „Praios vergib mir, aber was dort siebenfach kam, glich in seiner Gestalt den geflügelten Sendboten aus Alveran, doch waren Federn und Fell von unheiligem Schwarz, und wann immer sie den grausigen Schnabel, der an einen Geier – zurecht das niederste und abscheulichste Tier im gesamten Vogelreiche – gemahnen wollte, zu einem markerschütternden Schrei aufrissen, sah man glühende Kohlen in ihrem Innersten, und die Glut quoll ihnen hervor aus den Augen, zwischen den Federn und über den Schultern, wo die gierig züngelnden Flammen einen Kragen wie von vier blutüberströmten Hörnern formten. Wir sahen unsere letzte Stunde gekommen. Viele von uns ließen sich in den Staub fallen und flehten mit Tränen der Furcht in ihren Augen um Praios’ göttliche Gnade. Und wahrlich, da geschah es, dass die finstere Wolkendecke aufriss und ein einzelner Strahl von Praios’ Herrlichkeit von Osten her auf Seine goldene Halle fiel. Und auf dieses Zeichen hin erhob unsere gottergebene Herrscherin Gwidûhenna von Faldahon ihre Stimme und im tragenden Rezitativ der heiligen Gurvanischen Choräle sang sie: ,Deo solis, laudamus te, Rex Deorum, sanctus es!’ Wir alle taten es ihr gleich, und sodann verschmolzen die Stimmen all Seiner Diener vom Priester bis hin zum einfachen Waffenknecht zu einem einzigen, allumfassenden und wahrlich erleuchteten Gesang, und mit der Lehnsherrin an unserer Spitze zogen wir singend vom goldenen Tempel durch die Stadt und auf die Mauern, wo unsere vereinten Stimmen das Lob Praios’ weit über das Schlachtfeld trugen. Und wahrlich, der Götterfürst stand uns bei und fuhr herab in Gleißen, hatte doch das Licht soeben den Kampf gegen Rauch und Nebel gewonnen und offenbarte sich in seiner ganzen Pracht. Und siehe, da verharrten die unheiligen Zerrbilder der Himmelsgreifen und wichen dem Licht. Und siehe, da schwanden der underische Wahn und die Tollheit von den blutsaufenden Frevlern, die an unsere Wälle brandeten, denn dies war Sein Wille. Und siehe, Angst und Furcht waren zu lesen in den Augen der finsteren Heerscharen, denn sie erkannten Seinen himmlischen Richtspruch. Und so wurden die Herzen der Beilunker beseelt von neuem Mut. Während der Klang des großen Chorals über das Schlachtfeld hallte und sich das gleißende Licht der Sonne erlösend über die Dächer der hehren Stadt ergoss, da drangen die Schwerter des Glaubens tief in die Reihen der verdorbenen Söldner. Grimmig ist der Herr in seinem Zorn, und Grimm und Feuer und Licht beseelten die Kämpfer unter der Standarte des Götterfürsten, als sie mit geheiligten Zeptern und gesegneten Klingen unter ihre Feinde fuhren. Und als die Frevler flohen, da sprach die Erleuchtete: ,Gelobet sei Praios in Ewigkeit, und nimmer soll Sein Lob verklingen, bis Beilunk wieder frei ist!’ Und während wir unsere Häupter demütig senkten, erhoben wir unsere Stimmen zu Praios, und seit jenem gesegneten Tage tönt von den Mauern der Stadt das Lob Seiner Herrlichkeit. Und seit jenem gesegneten Tage ertönt von der Kuppel Seines Tempels unablässig der sonnenflammende Gong, und sein Hall wurde zum Herzschlag der Stadt, zum Herzschlag aller Frommen, die bereit sind, ihre Seelen in Seine Hand zu legen. Und seit jenem gesegneten Tage sind wir frei von Madas finsterem Frevel, von zischendem Hexenwerk und der unheilvollen Brut der Niederhöllen. Arcanum interdictum et damnatum est – ad maiorem gloriam regis caelestis! Ita fiat!“ „So sei es!“ wiederholt die Gemeinde mit raunenden Stimmen und stimmt, wie schon vor zwölf Jahren die Verteidiger der Stadt Beilunk, die Choräle Sankt Gurvans an. „Gedenket des Wunders von jenem gesegneten Tage, von dem ich euch berichtet habe“, spricht der Lichthüter schließlich wieder, „denn es beinhaltet für einen jeden unter euch eine Lehre, und sie ist so rein und klar wie Praios’ Licht. Und wenn ich euch nun entlasse und ihr durch die Tore dieses Hauses schreitet, so schließet sie ein in eure Herzen und lasset sie nie wieder entweichen. Sie soll sein das Fundament eures Gewissens, eures Tuns und eures Trachtens. Und sie soll strahlen wie das Licht in euren Herzen. Denn auch heute steht der Feind der Zwölfgötter vor den Toren dieser Stadt und sinnt darauf, ihre heiligen Altäre zu besudeln und entweihen. Und darum sei einem jedem unter euch gesagt, der hier und heute mit uns gebetet hat und vielleicht glauben mag, sein Pilgerpfad sei nun zu Ende: Nein, du irrst, denn dein Dienst an Praios hat gerade erst begonnen!“

Berauscht von den Worten Prajan Bedofelds schreiten die Gefährten aus der Sakrale und melden sich gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Pilgerschar bei den Beilunker Bannstrahlern zum Einsatz an den Befestigungsmauern. „An den Drei Türmen in Hohenlauchenfurt werden noch Leute gebraucht. Folgt mir!“ ruft ihnen ein bärtiger Bannstrahler entgegen, und so lassen sich die Gefährten wieder aus der Oberstadt hinaus- und durch die ärmlichen Behausungen des Hafenviertels hindurchführen. Auf dem Weg dorthin erklärt ihnen der Bannstrahler, der sich ihnen als Wahnfried von Winterkalt vorstellt, in knappen Worten die Lage der Stadt: Während Baron Mirshan von Streitzig mit seiner Seegarde über die Unterstadt und das vorgelagerte Hohenlauchenfurt wache, habe Praiodan von Weißfels, Hochmeister des Ordens vom Bannstrahl Praios’, das Kommando über die Verteidiger der Oberstadt inne. Zwar werde die Stadt bereits seit Wochen belagert, doch sei sie bisher von massiven Angriffen verschont geblieben. Ab und an erprobten die Belagerer mit vereinzelten Sturmattacken die Zähigkeit der Stadtbefestigung oder ließen mit ihren Katapulten Feuer über die Stadt regnen, doch seien bisher alle Angriffe zurückgeschlagen und alle Brände gelöscht worden. Offenbar bemüht sich der Feind, Verluste in den eigenen Reihen gering zu halten, was darauf hindeuten könnte, dass er entweder beabsichtigt, die Stadt auszuhungern, zu demoralisieren, oder vielleicht auch, dass er auf irgendetwas wartet. Mit Dämonenmacht jedenfalls könnten die Belagerer die Stadt nicht nehmen, denn solange der Gong der Sakrale erschallt, sei die gesamte Oberstadt durch das Arcanum Interdictum vor Madas Fluch geschützt. Wohl im Wissen um die Schwierigkeit, Beilunk im Sturm zu nehmen, hat der Feind einen undurchdringbaren Belagerungsring um den gesamten Umkreis der Stadt östlich des Radroms gezogen. Der Westen sei weniger stark befestigt, sagt Wahnfried von Winterkalt, doch gerade dort patrouillierten die Belagerer in großer Zahl, vor allem die gefürchteten Knochenritter aus Drîleuen – und denen wolle man nicht in die Hände fallen. Drîleuen, führt der Bannstrahler auf Nachfrage der Gefährten aus, sei eine fast uneinnehmbare Höhenburg, die einige Meilen westlich der Stadt über eine vom Meer umtoste Klippe emporragt. Dort herrscht Adram von Aschenfeld, eine verdammte Seele, die mit unbarmherzigen Zorn alle Diener der Zwölfgötter verfolgt. Er scheint, mit Iradon Kolenfeld, dem Blutrichter von Elburum, einen Pakt geschlossen zu haben. Während Adram von Aschenfeld den Westen sichert, bedrängen Kolenfelds Bluttempler die Stadt von Osten. Seltsam sei, ergänzt Wahnfried von Winterkalt, dass man in den Reihen der Belagerer außer den Bluttemplern lediglich einige kleinere Söldnerverbände, jedoch keine regulären Truppen der Fürstkomturei gesehen habe. Weder die gefürchtete Karmothgarde noch die Rote Legion scheint sich an der Belagerung zu beteiligen. „Doch es ist noch eine dritte Partei im Bunde“, setzt er schließlich hinzu. „Wir nennen sie die ‚dunklen Pilger’. Offenbar sind es fanatische Anhänger des Herrn der Rache. Ihr erkennt sie an den dunklen Kutten, in die sie gehüllt sind. Man erzählt sich von einem ‚Propheten des Weltgerichts’, der diese Frevler von der verfluchten Dämonenschmiede Yol-Ghurmak aus zum Zug nach Beilunk gerufen habe. Es sind Paktierer. Wenn Ihr sie seht, tötet sie.“

Als die Gefährten schließlich den der Unterstadt vorgelagerten Stadtteil Hohenlauchenfurt erreichen, stockt ihnen der Atem: Dieser Teil der Stadt ist nicht befestigt. Lediglich eine Konstruktion aus drei zusammenstehenden Türmen, von denen eine zerbrechlich wirkende Pfahlbrücke über einen schmaleren Arm des Radromdeltas führt, schützt hier die Behausungen der verloren und verängstigt dreinschauenden Bewohner. „Ich weiß nicht, ob ich gegen diesen Feind kämpfen kann“, stammelt Boldrino, als auf dem anderen Ufer die Kämpfer der Gegenseite aufmarschieren. Doch Wahnfried von Winterkalt legt ihm die Hand auf die Schulter und entgegnet: „Nur Mut, mein junger Freund! Dringender als Euren Schwertarm benötigen wir Eure Gebete. Vertraut in Praios, dies allein wird reichen.“ Und zu den anderen gewandt, sagt er im Flüsterton: „Behaltet auch das gemeine Volk im Auge. Die Menschen hier sind die Ärmsten der Armen. Schon bei der Belagerung vor zwölf Jahren probten sie den Aufstand. Und auch dieses Mal sind sie unruhig. Ob die Versorgungsgüter ausreichen, um ihre hungrigen Mäuler zu stopfen, dass weiß nur der himmlische Richter. Und wenn auch diese aufgebraucht sind, dann wird ihr schwelender Zorn wie Fass Hylailer Feuer sein, das jeden Augenblick Feuer fangen kann. Hohenlauchenfurt ist kaum geschützt und wird als erstes fallen. Wenn dies geschieht, müsst ihr euch so schnell wie möglich zur Befestigung der Unterstadt durchschlagen. Hier hegt so mancher frevlerische Vorbehalte gegen die Herrschaft der Erleuchteten. Der Rückzug könnte also schwierig werden, wenn sich euch der aufgebrachte Pöbel in den Weg stellt.“

Als die Gefährten und der Bannstrahler schließlich den Bereich der Drei Türme betreten, in denen Baron Mirshan von Streitzig mit seiner Seegarde Quartier hält, stellt sich ihnen die bereits vom Hafen bekannte hünenhafte Offizierin der Seegarde in den Weg. „Das ist das Quartier der Seegarde. Wir brauchen hier keine Priester.“, zischt sie Wahnfried von Winterkalt an und blickt missbilligend auf Boldrino und Bruder Lechdan. „Ihr werdet sie schon brauchen, wenn der Sturm kommt“, entgegnet der Bannstrahler mit strenger Miene. „Also mault nicht rum, sondern weist sie in ihre Aufgaben ein!“ Zu den Gefährten gewandt sagt er grinsend: „Diese grazile Dame ist übrigens Weibelin Katis, wir nennen sie auch die Ogerin von Hohenlauchenfurt. Stellt euch in der Schlacht hinter sie, dann wird euch auch nichts geschehen.“ Die Weibelin grunzt missmutig und will gerade den Gefährten einen Wink geben, ihr zu folgen, als plötzlich vom nahen Marktplatz her laute, aufgeregte Stimmen ihre Aufmerksamkeit erregen. Neugierig bahnen sich die Gefährten einen Weg durch die Menschenmasse, die sich auf dem Landmarkt versammelt hat. Alle starren – teil gebannt, teils belustigt, teils empört – auf einen alten Mann mit wirren grauen Haaren, einem verfilzten Bart und weit aufgerissenen Augen. Er trägt einen ausgefransten Lumpen und kriecht, verwirrt nach etwas Unsichtbarem tastend, auf dem mit Staub und Unrat bedeckten Boden umher. „Und mir erschien ein schwarzes Pferd“, ruft er, ohne dass er irgendjemanden persönlich anzusprechen scheint, „und der darauf saß, öffnete seinen Mund und entblößte die Zunge der Zwietracht. Und ich sah die Nacht von Feuer erfüllt, und die Schreie der Verzweiflung nährten die Brände, die wild um sich schlugen und alles verschlangen mit roten, spitzen Zähnen. Und ich hörte das Wimmeln und Rascheln des Getiers, das myriadenfach gekommen war, zu verderben Peraines Gaben. Und auf meiner Zunge schmeckte ich das Blut der Al’Hani, das noch immer nach Rache sinnt, zu vergiften das goldene Herz, das wacker schlägt in der Brust des Gerechten. Und ich sah Zant und Irrhalk im Bunde vereint, und Schlange und Greif voneinander geschieden im Streite. Und ich sah Hass und ich sah Zorn und ich vernahm, wie sich in den Klang von Schwertern die Schreie der Waisen und das Hohnlachen der Niederhöllen mischte. Und dann verstand ich all das, was war und was noch kommen sollte.“ Mit den letzten Worten des wirren Propheten macht sich Schweigen breit. Viele der umstehenden Menschen schlagen mit ihren Händen Schutzzeichen und senden mit angsterfüllter Miene Stoßgebete zu den guten Göttern. Schließlich lächelt der Greis wie jemand, der mit sich selbst im Reinen ist. Mit einem schnellen Satz steht er auf und macht eine Verbeugung, als stünde er auf einer Theaterbühne, nur um daraufhin mit tänzelnden Schritten in der Menschenmenge zu verschwinden, die alsbald murmelnd und kopfschüttelnd auseinander geht.

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* Die Verführungspunkte der Gefährten sinken um jeweils einen Punkt.
** Der folgende Text basiert auf dem entsprechenden, von Gregor Rot und Anton Weste verfassten Artikel im Aventurischen Boten #71.

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